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Düsseldorf
Die Tricks der Kunstfälscher

Düsseldorf: Die Tricks der Kunstfälscher
Dieses angeblich von Louis Marcoussis stammende Porträt des Galeristen Alfred Flechtheim hing als Leihgabe im Duisburger Lehmbruck-Museum. Es erwies sich als Fälschung – vermutlich von Beltracchi. FOTO: Lehmbruck-Museum, dpa, Trasteco
Düsseldorf. Im soeben erschienenen Buch "Tatort Kunstmarkt" rollt der Experte Reinhard Müller-Mehlis Skandale der zurückliegenden Jahrzehnte auf – und beschreibt, wie man sich vor Betrug schützen kann. Von Bertram Müller

Der inzwischen 81-jährige Journalist und Kunstmarkt-Experte Reinhard Müller-Mehlis war im Zenit seines Berufslebens nicht immer ein gern gesehener Gast in Galerien. Denn sein Blick entdeckte manches, das aus Sicht der Händler besser im Verborgenen geblieben wäre. Erfahrung hat ihn gelehrt, dass etliche Galeristen lieber nicht so genau hinschauen, denn: Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß – und den Kunden schon gar nicht.

Selbstverständlich gibt es viele seriöse Händler – wahrscheinlich sind es sogar die meisten. Doch die schwarzen Schafe sind es, welche die Skandale hervorrufen, auf die die Welt dann blickt – wie zuletzt im Fall einer Wiesbadener Galerie, die allem Anschein nach Fälschungen im Stile russischer Avantgardekunst verbreitete. Davor lehrte der aufgeflogene Fälscher Wolfgang Beltracchi die Sammler das Fürchten.

Müller-Mehlis' soeben erschienenes Buch "Tatort Kunstmarkt" zählt nicht nur die spektakulärsten Fälle der zurückliegenden Jahrzehnte auf und bringt sie miteinander in Verbindung; der Autor zeigt auch, welche Konsequenzen man als möglicher Kunstkäufer aus dem überall lauernden Betrug ziehen sollte. Insgesamt gilt: Man kann kaum vorsichtig genug sein und sollte vor allem dann höchste Vorsicht walten lassen, wenn ein Kunstwerk in Widersprüche verstrickt ist – wenn also zum Beispiel Farben verwandt wurden, die zur Zeit der angeblichen Entstehung noch nicht erfunden waren.

Hier in Zusammenfassung ein paar Ratschläge aus dem Buch und einige überraschende Tatsachen, die man kennen sollte:

Fälschungen ohne Ende Der Staat kann ein gefälschtes Kunstwerk selbst nach einem Strafprozess nur dann einziehen, "wenn es dem Täter oder dem Teilnehmer gehört" (Paragraf 40 Strafgesetzbuch). Das heißt, dass mehr Fälschungen unterwegs sind, als man sich gemeinhin vorstellt.

Manipulierte Kopien Wenn der Kopist etwa eines Gemäldes von Emil Nolde das Bild mit dem Hinweis "nach Nolde" versieht, ist das rechtlich in Ordnung. Wenn aber ein anderer das Wörtchen "nach" wegwischt, das unter Umständen mit "n." abgekürzt ist, erscheint der Künstlername wie eine Signatur, und die Kopie lässt sich in betrügerischer Absicht als Original verkaufen.

Handwerkliche Fehler Eine Fälschung ist manchmal schon allein mit wachem Verstand zu erkennen. Müller-Mehlis erwähnt Nachahmungen von Bildern des Berliner Malers Lesser Ury. Ein Fälscher malte wie hierzulande üblich von links nach rechts, kam dann aber offenbar mit dem vorhandenen Platz nicht zurecht, so dass sich die Motive am rechten Bildrand drängten. In anderen Fälschungen nach Lesser Ury fährt mindestens ein einzelnes Auto auf der falschen Straßenseite oder in falscher Richtung.

Beutekunst Die seit Jahren anhaltende, jüngst durch die Eröffnung einer Ausstellung in der St. Petersburger Eremitage wieder befeuerte Diskussion über Beutekunst lockt zahlreiche Betrüger an. "Legenden über Kunstwerke, die ihren rechtmäßigen Eigentürmern entzogen wurden", so schreibt Müller-Mehlis, "eignen sich insbesondere in der Verbindung mit der Vorstellung eines weithin undurchsichtigen Verhaltens offizieller und inoffizieller russischer Stellen für die Vortäuschung falscher Tatsachen."

Sonderfall Dalí Alle Werke, die angeblich von Salvador Dalí stammen, sind mit spitzen Fingern anzufassen; vor allem die plastischen. Denn Dalí hat außer kleinen Wachsmodellen nie etwas Dreidimensionales eigenhändig modelliert. Er hat die ungezählten Klein- und Großbronzen, die heute kursieren, nicht gesehen. Auch ein Großteil der Druckgrafik, die Händler dem Spanier zuschreiben, gilt als gefälscht. Das Perfide daran: Dalí und seine Ehefrau Gala unterstützten auf Provisionsbasis arbeitende Sekretäre, Verwerter und Nachahmer in deren Machenschaften. Müller-Mehlis zufolge ist Dalí "der am meisten gefälschte Künstler aller Zeiten".

Stilkritik Kunsthistorische, stilkritische Gutachten zur Echtheit von Bildern oder Skulpturen, wie sie jahrzehntelang gebräuchlich waren, sind heute kaum noch etwas wert. Das zeigt nicht nur der Fall des Kunstwissenschaftlers Werner Spies, der Fälschungen von Beltracchi als Originale auswies. Die naturwissenschaftliche Analyse gilt als das Gebot der Stunde. Sie ist auch Beltracchi zum Verhängnis geworden.

Antiquitäten Bei Möbeln ist die Gefahr des Betrugs besonders groß. Schon seit den 60er Jahren sind Werkstätten darauf spezialisiert, alte Möbel auseinanderzuschneiden und zu kleineren zu verarbeiten, weil große schwer verkäuflich sind. Oder sie machen aus einem Möbel zwei, wobei sie die jeweils fehlenden Teile ersetzen. "Restaurieren" nennen sie das. Bei alten Möbeln sollte man zudem darauf achten, ob sie Gebrauchsspuren aufweisen. Sind die meistbenutzten Stellen wirklich angegriffen? Haben die Deckel Spuren hinterlassen? Gibt es Kratzer und Schnitte? Fälschungen wirken dagegen meist neu und unbenutzt – und das nach angeblich 100 oder 200 Jahren.

Holz-Skulpturen Bei Holz-Skulpturen des Mittelalters und der Renaissance sollte man auf die Rückseiten achten. Sind sie mit einem verwitterten Brett kaschiert, ist Vorsicht am Platze. Denn damit soll oft verdeckt werden, dass dem Werk der lebendige Schlagduktus der Höhlung fehlt, der kaum nachzuahmen ist.

Kunstmessen Selbst auf anerkannten Kunstmessen sind Käufer vor Fälschungen nicht sicher. Zwar prüfen dort fachkundige Jurys vorab das an der Wand hängende Angebot, nicht aber die in Mappen und dicht bestückten Ständern lagernden Blätter.

Kunstkauf ist und bleibt Vertrauenssache. Doch – so kann man Müller-Mehlis' Handreichungen zusammenfassen – sollte man vor lauter Vertrauen nicht den Verstand verlieren.

Quelle: RP
 
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