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Diagnose Krebs
Die zehn größten Irrtümer über Krebs

Düsseldorf. Wer an Krebs erkrankt, befürchtet eine lange Zeit des Leidens. Die moderne Medizin kennt jedoch viele Möglichkeiten der Linderung. Von Martin Friedrich, Rainer Haas und Elmar Stickeler

Bei der Expertenrunde unserer Zeitung zum Thema "Diagnose Krebs - was nun?" kristallisierte sich heraus, dass viele Menschen bei Krebs immer noch Irrtümern anhängen, die nur schwer aus den Köpfen herauszubekommen sind. Die drei Medizinprofessoren Martin Friedrich (Urologe, Helios-Klinikum Krefeld), Rainer Haas (Onkologe, Uniklinik Düsseldorf) und Elmar Stickeler (Gynäkologe, Uniklinik Aachen) benannten diese Irrtümer und klärten umfangreich über sie auf. Wir dokumentieren hier ihre Statements.

1. Die Diagnose Brustkrebs ist ein Todesurteil

Brustkrebs wird in Deutschland etwa 70.000 Mal im Jahr diagnostiziert und ist die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen. Dennoch überleben immer mehr Frauen diese Erkrankung dauerhaft, sie können geheilt werden. Wenn man alle Tumorstadien berücksichtigt, die bei der Diagnose vorliegen können, liegen die Heilungsraten bei 80 Prozent. Werden Tumoren in sehr frühen Stadien (kleiner Tumor, keine befallenen Lymphknoten) erkannt, liegen die Heilungsraten sogar bei über 90 Prozent. Die Kombination aus schonender Operation, Bestrahlung und medikamentöser Behandlung, bei der eine belastende Chemotherapie oft vermieden werden kann, hat zu diesen enorm guten Heilungschancen von Brustkrebs gesorgt.

2. Die Operation der Brust entstellt die Weiblichkeit

Heutzutage operiert man zunehmend weniger aggressiv und belastend. Bei etwa 70 Prozent aller Frauen mit Brustkrebs kann bei der OP die Brust erhalten werden. Versierte Operateure können durch schonende Techniken Ungleichheiten zwischen den Brüsten und Gewebedefekte dauerhaft ausgleichen. Sollte eine Brust entfernt werden müssen, kann meist schon in der Operation eine Rekonstruktion der Brust angegeboten werden. Sehr oft können auch Brustwarze und Warzenhof belassen werden, so dass die Frauen ohne eine gravierende Veränderung ihres Körperbildes mit einem guten kosmetischen Ergebnis aus der Narkose aufwachen.

3. Früherkennung ist nur etwas für Risikopatientinnen

Dieses Thema wird überaus kontrovers in den Medien diskutiert. Tatsache ist, dass wir in Deutschland aufgrund der Häufigkeit der Erkrankung ein qualitativ sehr hochwertiges Screening-System etabliert haben. Wir wissen, dass es eine eindeutige Verbindung zwischen Tumorgröße und Aussaat von Tumorzellen in die Achsellymphknoten und somit den Heilungsraten gibt. Die Daten aus dem deutschen Mammografie-Screening, an dem alle Frauen zwischen 50 und 69 Jahren teilnehmen können, zeigen dies: Mehr als 80 Prozent der Tumoren sind kleiner als zwei Zentimeter, und fast 80 Prozent weisen keine Lymphknotenmetastasen auf. Diese Frauen können weniger aggressiv operiert werden und benötigen auch weniger häufig eine Chemotherapie.

4. Prostatakrebs bekommen nur ältere Männer

In der Tat ist das Prostatakarzinom eine Tumorerkrankung des höheren Lebensalters. Über 60.000 Männer erkranken jährlich neu daran. Am häufigsten wird die Erkrankung bei Männern zwischen dem 65. und 75. Lebensjahr diagnostiziert. 20 Prozent der Fälle werden allerdings bei Männern diagnostiziert, die jünger als 65 Jahre alt sind. Manchmal sind die Patienten sogar unter 50 Jahren. Deshalb wird die Früherkennung ab 45 Jahren empfohlen. Mit einer Früherkennung ab dem 40. Lebensjahr kann nicht nur das frühe Auftreten eines Prostatakarzinoms aufgespürt, sondern auch das Risiko, irgendwann im Leben ein Prostatakarzinom zu entwickeln, abgeschätzt werden.

5. Wer keine Beschwerden hat, kann keinen Prostatakrebs haben

Nur ganz selten fällt ein Prostatakarzinom etwa durch Beschwerden auf der Toilette auf. Da es in den Bereichen fern der Harnröhre wächst, macht es häufig erst Beschwerden, wenn es bereits Metastasen etwa in den Knochen gebildet hat. Leider ist es dann für eine heilende Therapie wie die operative Entfernung der Prostata zu spät. Daher ist es wichtig, dass Prostatakrebs so früh erkannt wird, dass Operation oder Bestrahlung noch sinnvoll sind.

6. Mein PSA-Wert liegt unter vier, also habe ich keinen Prostatakrebs

Unglücklicherweise geben viele Laborbefunde als Referenzbereich für den PSA-Wert noch vier ng/ml (Nanogramm pro Milliliter) angegeben. Das ist verwirrend. Ein höherer PSA-Wert zeigt sich auch bei Entzündungen, vergrößerter Prostata oder höherem Lebensalter. Andererseits kann bei einem jungen Patienten ein PSA-Wert von 2,5 bis drei ng/ml verdächtig sein. Dann sollte Gewebe entnommen und untersucht werden.

7. Die OP des Prostatakarzinoms führt zu Inkontinenz und Impotenz

Jeder von uns kennt jemanden, der nach einer Prostata-OP oder Bestrahlung Probleme mit dem Wasserlassen und -halten hat. Gute Operateure mit genügend großer Erfahrung können das fast immer vermeiden. Ähnlich ist das auch mit der Potenz. Auch hier kann durch Schonung der Gefäß-Nervenbündel, die für die Erektion verantwortlich sind, die Potenz erhalten bleiben. Leider lässt es nicht jede Tumorsituation zu, dass man nerverhaltend operieren darf, weil man sonst Tumorzellen im Körper zurücklassen würde. Je früher also ein Tumor gefunden wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass nach einer OP die Potenz erhalten bleibt.

8. Eine Chemotherapie ist für den Patienten unerträglich

Es hat sich in vielen Köpfen eingenistet: das Bild mit dem Infusionsständer, von dem aus Gift in den Patienten hineinläuft. Oder das Bild von der Keule, die ihm verabreicht wird. In Wirklichkeit handelt es sich heute oft um eine raffinierte Immuntherapie mit Antikörpern, die das Wachstum der Krebszelle bremsen und sie in den Selbstmord treiben. Nebenwirkungen wie Übelkeit kann man oft effektiv behandeln.

9. Wenn nichts mehr hilft, ist ein Patient "austherapiert"

Das ist ein Wort aus dem Wörterbuch der Medizin von vorgestern. Es beschreibt den Fall, dass ein Patient in eine Ecke geschoben wird, aus der ihn niemand mehr herausholen kann. Tatsächlich gibt es in jeder Phase einer Krebserkrankung eine Therapie. Und die Palliativmedizin kann auch das Ende der Lebenszeit im wahren Sinn des Wortes leb-bar machen. Kein Patient muss als gequälte Kreatur sterben.

10. Jede Krebs-Erkrankung ist mit großen Schmerzen verbunden

Das ist ebenso falsch. Die Schmerzmedizin kann Medikamente in jeder Phase einer Krebserkrankung so genau dosieren, dass kein Patient unerträglich leiden muss. Man muss sie als Arzt aber anwenden; mancher scheut davor zurück. In der finalen Phase gibt es bei unbeherrschbaren Schmerzen die Möglichkeit der "palliativen Sedierung". Sie wird zuweilen als aktive Sterbehilfe missverstanden. In Wirklichkeit verkürzt sie das Leben nicht, lindert aber die Beschwerden durch starke Beruhigungs- und Schmerzmittel. Sie kann nach Verabredung mit dem Patienten geplant unterbrochen werden, damit sein Befinden neu überprüft werden kann.

Protokolliert von Wolfram Goertz

Quelle: RP
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