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Bonn
Down-Syndrom im Museum

Bonn. Ein Ausflug zur Bonner Museumsmeile lohnt sich: Gezeigt wird dort zurzeit eine Schau zur Geschichte des Down-Syndroms sowie eine Ausstellung unheimlicher Kunst. Von Klas Libuda

Die Macher wollen ihre Schau als Entdeckungsreise verstanden wissen, darum haben sie um die Ausstellung von mehr als 1000 Exponaten eine Geschichte gesponnen, und die geht so: Sieben Außerirdische landen auf der Erde, um zu sehen, wie sich die Menschen über die Jahrtausende entwickelt haben. Sie sind Teil der zweiten Mission, die sich vom Planeten "Kumusi" auf den Weg gemacht hat - auf "Kumusi" haben alle das Down-Syndrom. Das erste Team landete vor 5000 Jahren auf der Erde. Team zwei will nun vor allem den Vorfahren nachforschen.

In der Bundeskunsthalle in Bonn ist ab sofort eine Ausstellung zu sehen, die es so bislang nirgends gab. "Touchdown" heißt die Schau mit und über Menschen mit Down-Syndrom, die die Geschichte des Down-Syndroms (auch Trisomie 21 genannt) mit Exponaten aus Archäologie, bildender Kunst, Zeitgeschichte, Medizin, Genetik und Film erzählt.

Die Astronauten-Geschichte fördert einen möglichst unverstellten Blick, darum beginnt diese Erzählung schon im Eingangsbereich mit Kapitel eins: "Die Landung". Der Comiczeichner Vincent Burmeister hat die sieben Astronauten an die Wand gebracht, sie begleiten einen durch die folgenden sechs Ausstellungsräume und Kapitel, ins Hier und Jetzt, in die Vergangenheit und Zukunft.

Zu sehen gibt es etwa Porträtaufnahmen von Menschen mit Down-Syndrom, die Britt Schilling fotografiert hat. In dem von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebenen Katalog zur Schau (Preis: sieben Euro) sind diesen Bildern Geschichten zugeordnet. Das Tolle daran ist, dass man bald erkennt, dass das ganz normale Menschen sind, die da erzählen: dass sie gern schwimmen gehen und Fan von Borussia Dortmund sind oder mal nach Indien reisen wollen. Gedanke beim Lesen: wie bescheuert es ist, dass man das als besonders empfindet, dass das, klar, gewöhnliche Typen sind. Was sollen sie denn sonst sein?

Als Beitrag zu einer "klügeren Debatte um gesellschaftliche Vielfalt" ist die Schau gedacht, heißt es vom Kuratorenteam, in dessen Beirat Menschen mit Down-Syndrom saßen. "Touchdown" ist zum Glück aber kein sozialpädagogisches Inklusions-Spektakel, sondern eine Ausstellung, die sich um Erkenntnisgewinn bemüht. Einem Wandteppich, der eine Chromosomenordnung bei Trisomie 21 abbildet, werden Fotografien aus Uni-Vorlesungen gegenübergestellt - der Mensch mit Down-Syndrom als Forschungsobjekt.

Erinnert wird auch an die Verbrechen im Nationalsozialismus, vor allem ein Stück Papier erschüttert. Es ist ein Brief aus der Tötungsanstalt Grafeneck in Baden-Württemberg: Bedauerlicherweise müsse man mitteilen, dass die Tochter "unerwartet" an "Wanderrose mit anschließender Blutvergiftung verstorben ist", heißt es darin. Der Vater, der den Brief erhalten hatte, notierte: "Lüge".

Für ihre Schau haben die Ausstellungsmacher nicht nur Exponate zusammengetragen, sondern sind selbst aktiv geworden. "In der Geschichte sind die Spuren denkbar rar", sagt Kuratorin Henriette Pleiger. Um die Spurensuche voranzutreiben, wurde auf Veranlassung der Bundeskunsthalle ein 2500 Jahre altes Skelett auf Trisomie 21 untersucht. Der Verdacht bestätigte sich nicht, das Skelett ist dennoch ausgestellt. Es soll den Forschungswillen dokumentieren.

Man sollte für "Touchdown" schon am Vormittag anreisen, denn dann hat man nach einer Mittagspause noch Zeit, eine weitere Ausstellung in der Nachbarschaft zu besuchen. Das Bonner Kunstmuseum, das sich mit der Bundeskunsthalle einen Vorplatz teilt, zeigt Unheimliches. "Innenräume von Edvard Munch bis Max Beckmann" ist die "Unheimlich"-Ausstellung im Kunstmuseum untertitelt.

Viel Düsteres haben die Ausstellungsmacher an die dunkelgrauen Wände gehängt, allein zehn Werke von Munch: ein "Selbstporträt mit Weinflasche", ein Kerl mit hängenden Schultern und Mundwinkeln in einer Spelunke; ein Mädchen, das sich an die Wand gedrückt an einem Stuhl festhält, man fragt sich, was sie in solche Angst versetzt. Zu diesen Arbeiten spinnen sich in Gedanken schnell ganze Schauergeschichten. Es gibt Treppen und Türen ins Nirgendwo, eine Tatort-Szene von Beckmann - "Die Nacht" - und Tusche-Zeichnungen von Alfred Kubin, die "Gespenst" und "Wahnsinn" heißen und wie die Cover von Metal-Schallplatten aussehen.

Vor der Tür des Kunstmuseums, am Ausgang Richtung Haus der Geschichte - wo zurzeit sehenswerte Ausstellungen zur "Armee der Einheit" und zur Geschichte im Film gezeigt werden -, hat der Künstler Axel Largo zudem einen zwölf Meter langen Schiffscontainer aufstellen lassen - der Eintritt ist kostenlos. Er zeigt dort nichts außer Porträtaufnahmen geflüchteter Menschen in schneller Schnittfolge. Man erfährt dort die Kunst der Unmittelbarkeit - auch das ist einen Abstecher wert.

Quelle: RP
 
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