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Ein Requiem von Nick Cave

Rock Diese Platte ist zugleich trostlos und schön, sie ist brutal und zart, und man kann sie auf gar keinen Fall nebenbei hören, weil sie einen so berührt, dass man komplett versinkt in dieser Musik. Nick Cave hatte bereits mit der Produktion seines neuen Albums "Skeleton Tree" begonnen, als sein Sohn Arthur starb. Der 15-Jährige fiel in der englischen Küstenstadt Brighton, wo Nick Cave mit seiner Familie lebt, von einer Klippe. Von Philipp Holstein

Zurück blieben die Eltern und Arthurs Zwillingsbruder, und wie sehr die Alleingelassenen trauern, wie groß die Erschütterung sein muss, deutet die Schwarzweiß-Doku "One More Time With Feeling" von Andrew Dominik an, die die Entstehung der Platte zeigt und jüngst in ausgewählten Kinos aufgeführt wurde. In der traurigsten Szene sitzt ein gebrochener Nick Cave in Trainingsjacke neben seiner Frau Susie Bick. Sie hält ein Bild in die Kamera, der Sohn hat es vor einigen Jahren gemalt, und es zeigt die Stelle, an der er in den Tod rutschte.

Die Eltern kämpfen mit den Tränen, aber es kommen keine, und schließlich fasst Nick Cave die Tragödie in Worte: "Arthur lebt nicht in meinem Herzen weiter, wie die Leute mir weismachen wollen. Er ist in meinem Herzen, das ja. Aber er lebt nicht mehr." Der 58-Jährige hat "Skeleton Tree" selbst finanziert, und entstanden ist ein mächtiges Album, ein tiefschwarzer Grabstein. Cave singt nicht, sondern klagt. Er zitiert die Bibel, wählt apokalyptische Bilder, er erhebt seine Stimme gegen Jesus.

Diese Platte ist eine offene Wunde. Im Grunde sind das acht Liebeslieder, es gibt darin jedoch keine Hoffnung, denn die Liebenden kommen nicht zusammen. Caves musikalischer Partner Partner Warren Ellis hat kongeniale Arrangements geschaffen. Er lässt Caves Stimme über eine wüste Landschaft aus elektrifiziertem Geräusch und heulenden Streichern wehen. Die Aufnahmen klingen kratzig, sie wurden bewusst roh belassen, ungeschliffen, brüchig. Ellis und Cave überwinden das Songschema, sie steigern die Intensität, und schließlich tritt eine Sopranistin hinzu.

"Let us go now, my one true love", singt sie. Sie klingt wie eine Meerjungfrau. Man hält es kaum aus, so schön ist das. Und so unfassbar traurig.

Quelle: RP
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