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Grab eines Dichters
Eine Begegnung mit Wielands Gespenst

Oßmannstedt. Das Grab des deutschen Dichters Christoph Martin Wieland ist ein unfassbar schöner Ort. Und ein Ort des Schauderns. Ein Reisebericht. Von Jens Voss

Danach denkt man: Das glaubt dir eh keiner.

Es war am Grab des deutschen Dichters Christoph Martin Wieland, einem unfassbar schönen Ort an der Ilm, die vorbeifließt, als hätte sie sich gerade aus der Poesie in die Realität verirrt. Dort stehend, verbreitete sich eine Intensität der Rührung, der Trauer und der Klarsicht über diesen Mann, wie man sie noch nie in einem Museum oder an sonst einem Ort bildungsbürgerlicher Erbauung erlebt hat. Es war eine Geisterstunde; ein starkes Gefühl der Schrecknis flutete das Herz. Es war keine Angst vor einem Gespenst, sondern schwer beschreibliches Mitgefühl: Was, wenn er sehen müsste, was die Zeit nach ihm gebracht hat; was, wenn er erfassen müsste, wie recht er in seinen schlimmsten Ahnungen hatte? Es wäre Schmerz für die Ewigkeit.

Der Moment, als Wieland plötzlich da war, hat sich angebahnt.

Zum einen: Jahre der Auseinandersetzung mit ihm im Studium. Nun muss man nicht jeden mögen, mit dem sich als Student befasst - Wieland schon. Ein Empfindsamer, der sich die Ratio eines kühlen Kopfes immer gegen ein warmes Herz erarbeiten musste. Ein Menschenkenner, der trotzdem nie in Zynismus verfiel. Einer, der Größere neben sich ertrug und junge Genies wie Kleist förderte; anders als Goethe, der an seiner Seite keinen anderen Dichtergott ertrug noch vermutete, Schiller mal ausgenommen.

Zum anderen: Das Wielandgut Oßmanstedt unweit von Weimar ist heute ein berückend schönes Museum in einem berückend schönen Landschaftspark, der beweist: Es gibt irdische Reste vom Paradies.

Wieland (1733- 1813) lebte dort sechs Jahre. Es sollte seine ländliche Idylle am schönen Busen von Mutter Natur werden, von der im 18. Jahrhundert so ziemlich jeder träumte, der lesen konnte. Faktisch wurde es ein Fiasko. Auch wenn Wieland relativ wohlhabend war, hat ihn der Ausflug aufs Land am Ende ein Vermögen gekostet und die Einsicht: Man muss ein Landmann sein, um auf dem Land zu leben. 1803 zog er entnervt zurück in die Stadt. Nach Weimar.

Heute sieht man in dem Anwesen Dinge, die einen nah an Wieland heranrücken: Seinen Gehstock, in dessen Knauf ein schönes geschwungenes W eingearbeitet ist. Ein kleines schwarzes Samtkäppchen, das auf Gemälden von ihm zu sehen ist. Seine Schnupftabakdose. Da schleicht sie einem schon unters Hemd: die Rührung über Wieland, diesen feinsinnigen, pockennarbigen, warmherzigen Mann, den die Weimarer Herzogin Anna Amalia zärtlich-ironisch "mein Wielandchen" nannte, wenn er sich mal wieder über eine Niederlage beim Kartenspiel aufregte.

Wieland ist heute wenn nicht vergessen, so doch vor allem Literaturfreunden bekannt. Der Unternehmer Jan Philipp Reemtsma liebt diesen guten Geist der Weimarer Klassik, hat viel Geld gegeben für eine billige Faksimile-Ausgabe seiner Werke, auf dass sie gelesen und erforscht werden. Und er hat die Restaurierung des Landgutes in Oßmannstedt bezahlt. Reemtsma hat den Deutschen damit einen magischen Ort des Nachdenkens über einen großen Dichter geschenkt.

Am Grab Wielands waren es aber nicht die Dichtungen, die einem durch den Sinn gingen, sondern Wielands zentraler Erkenntnisschock. Die Aufklärung, Wielands Epoche, war ja vor aller Vernunftzuversicht vor allem eine Zeit verlorener Gewissheiten. Wieland hat sich Zeit seines Lebens daran abgearbeitet, dass der Mensch ein schwaches Wesen ist. Gejagt von Trieb und Leidenschaft, anfällig für Irrtümer, offen für Fanatismus, begrenzt wahrheitsfähig.

In einem seiner hübschesten Romane - "Der Sieg der Natur über die Schwärmerei oder die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva" (1764) - erzählt er von einem jungen Mann, der Feenmärchen für bare Münze nimmt, einen Schmetterling für eine verwandelte Prinzessin hält und erst durch Liebe (auch: Triebe) und die Lebensklugheit einer jungen Frau auf den Pfad der Realität geleitet wird. Eine Rokoko-Variante von Don Quichotte, belanglos heiter im Happy End, darin erfüllt von dem Privileg des 18. Jahrhunderts: dem Optimismus, dass der Mensch seine Grenzen anständig verwalten kann, Erotik als angewandte Erkenntnistheorie inbegriffen.

Wieland glaubte tatsächlich daran: Man kann Fanatismus, Grausamkeit und Unfähigkeit zur Wahrheit, das ganze erkenntnistheoretische Elend des Menschen, mit einer Mischung aus Bildung, Höflichkeit, Nachdenken, Milde und philosophischer Noblesse entschärfen.

In seinem Essay "Was ist Wahrheit?" (1778) hat er diese Diagnose samt Therapie dicht zusammengefasst. So heißt es darin: "Vor allem aber, liebe Brüder, hüten wir uns vor der Torheit, unsere Meinungen für Axiome und unumstößliche Wahrheiten anzusehen und andern als solche vorzutragen. Bescheidenheit würde uns vor dem Einen und vor dem Andern sicherstellen. Anstatt miteinander zu hadern, wo die Wahrheit sei, wer sie besitze, lasset uns in Frieden unter den nächsten Baum hinsetzen und einander offenherzig und unbefangen erzählen, was jeder von ihr gesehen und gehört hat."

Diese Passage ist prophetisch und erzählt doch indirekt auch vom Scheitern aufklärerischer Hoffnungen. Nach Wieland war die Welt voller Menschenmetzger, die Meinungen für unumstößliche Wahrheiten ansahen und unfähig waren zur Selbstbescheidung. Das 20. Jahrhundert hat vollends gezeigt, wohin das führen kann, und auch das 21. Jahrhundert hat schon eigene monströse Züge hervorgebracht. Steht man an Wielands Grab, denkt man: Vielleicht hat er das Menschengeschlecht zu sehr geliebt. Und schaudert.

Quelle: RP
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