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Rheinfähren
Eine Kreuzfahrt für zwei Minuten

Düsseldorf. Früher waren die Fähren wichtiges Verkehrsmittel im Alltag, heute werden sie vor allem von Ausflüglern genutzt. An vielen Orten stellen sich die Fährbetreiber auf eine neue Art von Kundschaft ein: Radfahrer. Von Tim Specks

Der kürzeste Urlaub, zu dem man in Düsseldorf aufbrechen kann, dauert 120 Sekunden. Länger braucht Hajo Schäfer nicht, um seine Rheinfähre vom Kaiserswerther Ufer über den Rhein bis zum Anlieger in Langst-Kierst zu steuern. An Bord der "Michaela II" sind Berufspendler, Fußgänger und vor allem Ausflügler. "Mit der Fähre fahren", sagt Schäfer, "ist wie Urlaub für zwischendurch."

Zur "kleinen Kreuzfahrt", wie der Fährführer die Überfahrt auch nennt, begrüßt Schäfer an jedem Wochentag 13 Stunden lang Passagiere. Am Wochenende verkehrt die Fähre immerhin noch elf Stunden lang. In dieser Zeit finden Fahrgäste in dem 44 Meter langen Schiff neben einer Alternative zur Fahrt über die Flughafenbrücke vor allem eins: Entschleunigung. "Heute muss es auch im Verkehr immer schnell gehen", sagt Schäfer. Wer aber mit der Fähre reise, entscheide sich bewusst dafür, sich Zeit zu nehmen.

Gerade in dem, was eine Fahrt mit der Fähre so besonders macht, liegt aber auch das Problem einer ganzen Branche: Als Alternative zur Brücke werden die Fähren nicht wahrgenommen. "Wir sind für sie keine Konkurrenz. Dafür sind die Autos einfach zu schnell", erklärt Schäfer. Vor dem Bau der Düsseldorfer Flughafenbrücke war seine Fähre wichtiges Bindeglied zwischen Meerbusch und Düsseldorf, doch als die Brücke eröffnet wurde, gingen die Einnahmen der "Michaela II" um 80 Prozent zurück. "Heute sind wir nur noch ein Ausflugsziel." Zuletzt häuften sich die Fahrten, bei denen die Fähre, die eigentlich Platz für 27 Autos und 250 Passagiere bietet, einzelne Fußgänger über den Rhein brachte. Während die Fähre früher nur während der Weihnachtsferien nicht zwischen den Rheinufern pendelte, dauert die Betriebspause mittlerweile rund acht Wochen. "Im Winter hatte ich schon Tränen in den Augen, weil so wenig los war", sagt Hajo Schäfer.

Der Fährkapitän erinnert sich gut an die Zeiten, in denen er sich noch nicht wegen geringer Fahrgastzahlen sorgen musste. Noch vor wenigen Jahren seien die Schlangen von Autos, die morgens auf eine Überfahrt warteten, hunderte Meter lang gewesen, erzählt er. Den Fahrgästen machte das aber nichts aus - im Gegenteil. Die Wartezeit, die bis zu knapp einer Stunde betragen konnte, gehörte für die Reisenden zum Alltag. "Die Frauen haben sich in dieser Zeit im Auto geschminkt. Die Handwerker tranken ihren Kaffee und hatten schon die Zeitung gelesen, wenn sie am anderen Ufer ankamen", erinnert sich Schäfer, der damals mit seiner Schwester an Bord Fahrkarten verkaufte.

Von den Menschen, die zu dieser Zeit regelmäßig mit der "Michaela II" fuhren, kommen heute nur noch wenige. Früher hatten die Fährbetreiber rund 500 Stammkunden, heute sind es noch gut 15. Dabei gibt es gute Gründe, die Fähre einer Fahrt über die Brücke vorzuziehen - vor allem wirtschaftliche. Schäfer hat sogar ausgerechnet, wie viel Geld Menschen sparen, die regelmäßig mit der Fähre fahren, statt den Weg über die Flughafenbrücke zu wählen. Wer etwa in Meerbusch-Lank wohnt und in Ratingen arbeitet, fährt jährlich 6000 Kilometer weniger mit seinem Auto, wenn er mit der "Michaela II" von Langst-Kierst nach Kaiserswerth übersetzt.

Neben dem Portemonnaie der Fahrgäste entlasten Fähren auch den Verkehr, erklärt Schäfer. Zwar sei die Zahl der Rheinbrücken an Mittel- und Niederrhein so hoch, dass ein Wegfall der Fähren in der Region keinen Verkehrsinfarkt auslösen würde. "Aber in anderen Regionen des deutschen Rheins sind sie nicht wegzudenken."

Nicht nur die Zahl der Reisenden hat sich verändert, sondern auch ihr Profil. War die Fähre früher vor allem für Berufspendler Mittel zum Zweck, fahren heute zumeist Menschen in ihrer Freizeit mit der "Michaela II". "Sie kommen, um die Fahrt zu genießen", sagt Schäfer. Der Trend, dass heute vor allem Ausflügler mit der Fähre fahren, ist auch an anderen Stellen zu beobachten. "Den Großteil der Fahrgäste machen Touristen aus Bonn, Leverkusen oder dem Bergischen aus", erzählt Heiko Dietrich. Er betreibt die Personenfähre "Krokolino" in Köln. Seit 1975 verbindet sie die Stadtteile Weiß und Zündorf, etwa 250 Menschen setzen während der Wochentage mit dem Schiff über. Ein weiterer Großteil von Dietrichs Kundschaft besteht aus Menschen, die für einen Arztbesuch mit der "Krokolino" nach Weiß oder Zündorf übersetzen. Mitunter kommt es aber auch in Köln vor, dass die Fähre für einzelne Passagiere ablegt. "Da rufen dann Menschen auf dem Bordtelefon an und sagen, dass sie gerne ans andere Ufer gebracht werden wollen", sagt Dietrich.

Schäfer hat sich auf die veränderte Kundschaft eingestellt. "Trübsal blasen bringt nichts", sagt er. Auch an anderen Stellen erleben Fährbetreiber einen Wandel ihres Kundenstamms, erklärt er. "Dank gut ausgebauter Fahrradwege gibt es vor allem immer mehr Radfahrer, die Fähren nutzen." Schäfer hat diesen Trend erkannt und will ihn für sein Fährgeschäft nutzen. In Uedesheim plant er, eine neue Fahrrad-Fähre einzusetzen, die am Wochenende verkehren soll. "Da herrscht großer Andrang." Vor allem Menschen, die früher oft mit Fähren gefahren sind, vermissen in Uedesheim den Bezug zum Wasser. Dank Schäfer können sie bald wieder zu einer kurzen Kreuzfahrt aufbrechen.

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Quelle: RP
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