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Entdeckungsreise ins musikalische Rokoko

Klassik Sie müssen sich nicht grämen, wenn Sie Johann Gottlieb Janitsch (1708-1763) nicht kennen. Ich kannte ihn auch nicht. Aber der Mann war nicht ganz unwichtig für die deutsche Musikgeschichte, er organisierte ab 1736 als Kammermusikus von Kronprinz Friedrich Konzerte auf Schloss Rheinsberg, an denen nicht nur der Adel, sondern auch das Bürgertum teilhaben konnte. Vor allem war er, der königliche Kontrabassist, ein vorzüglicher Komponist, der ganz dem neuen "empfindsamen Stil" verpflichtet war: weg vom mathematisch fundierten Denken des Barock, wie es ein Johann Sebastian Bach verkörpert hatte, hin zu einem galanten, emotional aufschießenden Tonfall.

Auf der neuen CD der wunderbaren Blockflötistin Dorothee Oberlinger (die völlig zu Recht "Rococo" heißt) hören wir von Janitsch ein Quartett in G-Dur, dessen Mittelsatz ganz dem delikaten Geist entspricht, den wir aus einer Zeit erwarten, in welcher Friedrich der Große herrschte. Da gibt es ein Drängen und Drücken, das der Komponist nicht sich entladen lässt, sondern in einem sogenannten Trugschluss abfängt - erst danach darf sich die Spannung lösen, wenn auch über den erneuten Umweg eines verminderten Septakkords.

Hier sind sie alle versammelt, auf der CD der Deutschen Harmonia Mundi: die Feinsinnigen, Melodiker, Melancholiker jener Zeit, die an der Schwelle zur Frühklassik standen. Natürlich fehlt Johann Joachim Quantz nicht, der Flötenlehrer Friedrichs des Großen, auch Georg Friedrich Händel macht seine Aufwartung, ebenso Carl Philipp Emanuel Bach. Ganz köstlich beginnt die Platte: mit der Komposition "A Ground" eines gewissen Gottfried Finger.

Das ist schon fast elegisch, wie hier die Blockflöte auf einem begrenzten Bassfundament sich ihre introvertierten Linien zurechtträumt. Neben der wie stets famosen Dorothee Oberlinger beglücken uns weitere Könner, etwa der Oboist Alfredo Bernardini oder der Bratscher Nils Mönkemeyer. Man geht mit "Rococo" also auf Entdeckungsreise, und wir bleiben diesmal in Deutschland, wo es ja auch Orte ohne Sorge gab: wie Sanssouci.

Wolfram Goertz

Quelle: RP
 
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