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Mischa Kuball
Erneuerer der Lichtkunst

Düsseldorf. Konzeptkünstler Mischa Kuball erhält morgen in Celle den mit 10.000 Euro dotierten "Deutschen Lichtkunstpreis". Ein Besuch. Von Annette Bosetti

"Haben Sie überhaupt ein Atelier?" Mit dieser Frage beginnt unser Besuch bei Mischa Kuball. Konzepte sind schließlich Kopfgeburten. Malen kann er auch nicht. Kuball sagt selbst: "Meine Kunst entsteht im Kopf."

Seine Arbeitsräume liegen gleich hinter seinem Wohnhaus in Düsseldorf-Friedrichstadt, zwei Assistenten sitzen an ihren Computern. Im hinteren Bereich ist Ehefrau Michele mit eigenen Projekten beschäftigt. Ein abgeteilter Raum mit langem Besprechungstisch ist bis unter die Decke vollgepackt mit Büchern. "Mein Atelier ist woanders", sagt Kuball und führt ins Untergeschoss der Künstlerfabrik, in karge Räume. Dort sind zwei ebenso spartanisch wie rätselhafte Lichtinstallationen aufgebaut, die eine ist noch in Arbeit und soll ins Kirchner-Museum gehen, die andere ist vielleicht bald in Düsseldorf zu sehen.

Morgen wird der 56-Jährige in Celle mit dem Deutschen Lichtkunstpreis ausgezeichnet. Dass er als zweiter Preisträger in der Nachfolge von Otto Piene steht, mache ihn stolz, sagt er, obwohl er Preisen grundsätzlich nicht viel abgewinnen könne. Sein Werk stehe für sich, er im Hintergrund. "Ich bin nur der Mischa", sagt er uneitel.

Otto Piene und andere international arbeitende Zero-Künstler haben neben der deutschen informellen Malerei Kuball als Heranwachsenden beeindruckt. Wahrscheinlich haben ihn Piene, Mack und Uecker so stark geprägt, dass er irgendwann das Licht zu seinem Werkstoff machte. Er geht allerdings weiter als Zero und stellt die These auf: "Licht ist Soziologie, Licht ist Politik." Was vermessen und theoretisch klingen mag, untermauert er mit seinen Projekten, die ihn in mehr als 30 Jahren in vielen Ländern der Welt umtreiben.

Anlass zu einem Kunstwerk kann für Mischa Kuball beispielsweise ein architektonisch anregender Ort sein. Aber auch eine Geschichte, eine Ungerechtigkeit oder eine Tragödie. 1990 hat er das Mannesmann-Hochhaus von innen heraus beleuchtet, die dort beschäftigten Angestellten halfen ihm bei der Aktion, sie knipsten die Lampen an und später wieder aus. Abends kamen immer wieder andere Lichtbänder zum Vorschein - mal waren sie geordnet, mal bildeten sie zufällige Muster an der hohen glatten Fassade. Für ihn war diese Arbeit zunächst als Verbeugung vor den Architekten Egon Eiermann und Paul Schneider-Esleben gedacht. Eine soziologisch spannende Erfahrung machte er außerdem. Als die Licht-Aktion nach sechs Wochen zu Ende ging, kamen die Menschen wieder und berichteten von neuen Bildern an der Fassade. Die Lichtkunst hatte sich über ihre Dauer hinaus verselbstständigt. Aus Licht waren Zeichen geworden, Symbole für Interaktion, für das Zusammenarbeiten in einer Firma.

Als Kuballs nachhaltigstes Lichtarbeit gilt die Aktion "Refraction House" in der Synagoge Stommeln. In der Regel kommt in jedem Jahr ein anderer Künstler an diesen Ort nahe Pulheim, der Denk- und Mahnmal für das Schicksal aller deutschen Juden ist. Als 1994 Kuball eingeladen war, wollte er intervenieren. So hat er das Ausgeschlossensein als Gefühl thematisiert, indem er die Synagoge verschloss und gleißendes Scheinwerferlicht nach außen dringen ließ. Das Haus sah in der Dunkelheit aus wie skelettiert. Seine Fenster formten sich zu Wundmalen. Niemand wollte damals entscheiden, ob die Synagoge leuchtete oder brannte. Kuball erhielt Drohbriefe. Neonazis kletterten über seine Grundstücksmauer. Die Synagoge ließen sie in Ruhe.

Schon als junger Mann war Kuball politisch bewegt, damals begegnete er der Besetzerszene, nahm an Performances teil. Viele seiner Werke entstehen heute als Kommentar zur Politik. Immer verschenkt der Künstler dabei Empathie. Ein Projekt beschäftigt ihn schon seit Jahren. Um Solidarität mit den Einwohnern der von mehreren Erdbeben heimgesuchten Stadt Christchurch zu zeigen, hat Kuball 21 Laternen aus aller Welt - aus Polen, China und sogar eine aus Düsseldorf - nach Neuseeland geschafft. Wieder ist das Licht Parameter, ein Symbol. Das Licht ist ein Leuchten, es soll den Menschen Kraft geben in ihrer Not. "Mein Anliegen ist, Dinge sichtbar zu machen", sagt Kuball, "ich will was drehen an Situationen, aber ich gehe nicht wie ein Politiker vor. Ich möchte aus dem Negativen heraus etwas Positives entwickeln."

Licht ist nur das Vehikel für den Konzeptkünstler, dessen Werk an jedem Ort der Welt entstehen kann - und überall verstanden wird. Kuball wird weiter den Spot auf das setzen, was so deutlich wahrgenommen werden soll, dass es unübersehbar wird. "Das Zeigen alleine kann politisch sein", sagt er. Kuball ist ein Erneuerer der Lichtkunst.

Quelle: RP
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