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Düsseldorf
Fischers Ära beginnt

Düsseldorf. Ein General, der keiner sein möchte: Der Ungar Adam Fischer ist neuer Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker. Jetzt beginnt er seine Amtszeit mit einem symphonischen Programm, das zugleich seine Schwerpunkte markiert: Joseph Haydn und Gustav Mahler. Von Wolfram Goertz

Man gerät ein wenig ins Grübeln bei der Frage, wann die Düsseldorfer Symphoniker zuletzt im Konzertbereich einen Generalmusikdirektor von internationalem Format hatten. Früher war eben doch nicht alles besser, weswegen man bis in die 70er Jahre und noch weiter abtauchen muss, um fündig zu werden. Ein Genie war gewiss der Franzose Jean Martinon, der sich freilich rar machte und wegen seiner ausgesucht frankophilen Programme nicht sonderlich geschätzt war. Seit Martinon waren großartige Leute hier, beispielsweise Czyz, Frühbeck de Burgos, Shallon, Fiore, doch keiner von ihnen war eine weithin strahlende Kapazität. An Martinon reichte keiner von ihnen heran; wer alte Martinon-Aufnahmen präsent hat, wird dessen Verbindung von Klangsinnlichkeit, Wagemut, Noblesse und struktureller Disziplin über alle Maßen schätzen. Seine Gesamteinspielung aller symphonischen Kompositionen von Claude Debussy und Maurice Ravel gilt noch heute unangefochten als Referenzaufnahme. Leider machte Martinon sie mit dem Orchestre National de l'ORTF und dem Orchestre de Paris, nicht mit den Düsseldorfer Symphonikern.

Es könnte sein, dass an jene glorreichen Tage jetzt angeknüpft wird. Nach Jahren dirigentischer Entbehrung kommt der Ungar Ádám Fischer, der weltweit höchstes Ansehen genießt und bereits an den bedeutendsten Häusern gearbeitet hat: Bayreuth, Met, London, Wien. Das will alles nichts heißen, die Frage lautet vielmehr: Kommt er mit den Düsseldorfer Symphonikern zurecht? Die Zeichen stehen gut.

Fischer startet indes nicht als richtiger Generalmusikdirektor, sondern als sogenannter "Erster Konzertdirigent". Er ist anderswo zu sehr beschäftigt, als dass er seine ganze Kraft nach Düsseldorf zentrieren wollte. Jedoch bekommt er in Alexandre Bloch eine Art (jüngeren) Co-Chef, der dem Orchester die Kontinuität bieten soll, die er, Fischer, vorerst nicht bieten kann.

Fischer wird in Düsseldorf auch nicht das Rad neu erfinden; sein allererstes Symphoniekonzert-Programm für das kommende Wochenende kommt dem Orchester in einem Maße entgegen, dass man von dirigentischer Fürsorglichkeit sprechen möchte. Nach der Pause erklingt die 7. Symphonie e-Moll von Gustav Mahler. Die haben die Symphoniker vor nicht allzu langer Zeit im Ballett der Rheinoper unter Leitung von Opern-GMD Axel Kober gespielt, also gründlich erarbeitet. Daran können sie nun anknüpfen.

Ob es eine kluge Lösung ist, dass dasselbe Werk nach so kurzer Zeit wieder aufs Pult des Orchesters kommt und ans Ohr des Publikums dringt, sei dahingestellt. Jede Alternative hat etwas für sich. Man kann sagen: Fischer macht es sich leicht, er geht auf Nummer sicher. Man kann aber auch sagen: Er schafft eine äußerst kluge Verbindung und ermöglicht dem Hörer einen interessanten Vergleich. Wahrscheinlicher ist, dass an die Dublette niemand gedacht hat - und sie auch niemanden erregt, weder positiv noch negativ. Eine sozusagen rheinische Fügung.

Jedenfalls darf man sich auf Fischers Mahler, der hier für die nächsten Jahre sein Fixpunkt sein wird, in besonderem Maße freuen. Dessen Symphonien führt der streitbare und in größeren sozialen Zusammenhängen denkende Künstler komplett in Wien auf. Dort, im Musikvereinssaal, dirigierte er vor einiger Zeit mit den Wiener Philharmonikern die Symphonie Nr. 1 D-Dur, und die Rezension etwa im zum Nörgeln neigenden Wiener "Kurier" begann mit den Worten: "Das erste Abo-Konzert der Wiener Philharmoniker mit Ádám Fischer war ein so hinreißendes musikalisches Erlebnis, dass das Publikum am Ende mit schier endlosen Ovationen dankte."

Nicht minder interessant und wertvoll ist, dass Fischer die Musik des deutsch-österreichisch-ungarischen Kulturraums auch auf der Schiene Joseph Haydns bereisen wird. Dessen 88. Sinfonie bildet den Auftakt des Konzerts. Sie dauert zwar nicht annähernd so lange wie die Mahler-Symphonie, gilt aber als eines von Haydns geheimen Meisterwerken. Ihr Witz ist sprichwörtlich, und wer von diesem Witz einen grandiosen Eindruck bekommen möchte, sollte sich im Internet an Ádám Fischers beliebte Wirkungsstätte, den Wiener Musikvereinssaal, beamen - und staunen, wie einst der große Leonard Bernstein das Finale dirigierte. Er gab nur den Einsatz, ließ den Taktstock sinken und die Philharmoniker den Satz alleine musizieren; die paar Augenbrauenrunzler, Nicker und Lächler aus Lennies Gesicht kann man nicht als Einsätze bezeichnen.

Solche Experimente lassen sich nicht wiederholen und sind auch nicht mit jedem Orchester möglich. Nun denn, Ádám Fischers eigene Aufnahme mit dem Austro-Hungarian Haydn Orchestra ist einem aber nicht minder lieb und teuer.

Quelle: RP
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