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Experten diskutierten in Düsseldorf
Die neue Sicht der Gehirnforscher

Düsseldorf. Der Deutsche Ethikrat lud zahlreiche Experten nach Düsseldorf. Sie sprachen über das neue Bild des Menschen. Es entsteht, wenn Forscher das Gehirn durch Scannen bei der Arbeit beobachten. Von Rainer Kurlemann

Die moderne Technik bietet eine einfache Antwort auf die Frage, warum das Leben so schön sein kann. In unserem Kopf finden sich allerlei Lustzentren, deren Stimulation beim Menschen Wohlbefinden erzeugt: Gehirn-Scans verraten, wo Hören, Schmecken, Riechen und Küssen im Gehirn stattfinden. Die Emotionen und Erinnerungen werden durch Medizintechnik plötzlich messbar wie ein erhöhter Zuckerwert im Blut. Deshalb lud der Deutsche Ethikrat zahlreiche Experten nach Düsseldorf. Sie sprachen über das neue Bild des Menschen, das entsteht, wenn Forscher das Gehirn im Magnetresonanztomografen bei der Arbeit beobachten. Sei es beim Anschauen von Schuhen oder bei finsteren Gedanken.

Der Zeitpunkt für eine solche Debatte ist gut gewählt, denn in den USA mehre sich der Ruf nach dem Einsatz von Gehirn-Scans im Gerichtssaal, berichtet der Berliner Strafrechtler Reinhard Merkel. Er befürwortet das - nicht für die Urteilsfindung im Strafprozess, sondern als zusätzliches Hilfsmittel bei der Begutachtung, ob eine Sicherheitsverwahrung eines Straftäters notwendig ist. Der Rechtsstaat müsse für die Entscheidung, ob ein Mensch aus Vorsorge eingesperrt werden solle, alle seriösen Methoden zur Beurteilung verwenden, forderte Merkel. Im Blick hat er dabei den sexuellen Missbrauch von Kindern. US-Forscher konnten nach der Auswertung von Gehirn-Scans bei einer Gruppe von 80 Testpersonen mit 95-prozentiger Sicherheit sagen, wer von ihnen zur Pädophilie neigt und straffällig geworden war.

Solche Ergebnisse bleiben derzeit noch Einzelfälle und sind nicht übertragbar auf die Neigung zur Gewalt oder auf andere Formen krimineller Energie. Alle Experten stellen klar: Ein kriminelles Gehirn gibt es nicht. Trotzdem locken die neuen Messmethoden auf ein von Juristen noch wenig untersuchtes Terrain. So reagiert das Gehirn auf bestimmte Reize, die es zum zweiten Mal erlebt, manchmal mit einer Reaktion, die der Mensch nicht unterdrücken kann. Fotos vom Tatort könnten diese Reaktion auslösen, sagen manche Forscher, die auf diese Art und Weise einen möglichen Täter überführen wollen. Bisher fehlt diesen Verfahren eine ausreichende Zuverlässigkeit, vielleicht werden sie diese nie erreichen.

Andere Analysen erweisen sich als treffsicherer. "Die Aktivität im Gehirn von Profi-Musikern weist oft spezielle Ausprägungen aus", sagt Lutz Jäncke, Hirnforscher der Uni Zürich. Man könne über GehirnScans sogar Pianisten, Geiger, Tänzer und Sänger unterscheiden. "Die Verortung einer Aktivität im Gehirn erweckt aber oft den Eindruck, damit könne man auch etwas vorhersagen, aber das stimmt nicht", schränkt Neurowissenschaftler John-Dylan Haynes ein.

Da bleibt die tröstliche Erkenntnis, dass der Mensch über sein Gehirn noch weitgehend selbst bestimmt. Das Musikergehirn sieht so aus, weil sein Besitzer Musiker ist - und nicht etwa umgekehrt. Noch nicht einmal die Freude an der Musik scheint im Gehirn festgeschrieben zu sein. Dennoch ist das Gehirn an der Entdeckung und der Entwicklung dieser Passion intensiv beteiligt. Es ist gleichzeitig ihr Abbild und Verursacher. "Es fehlt noch immer eine umfassende Theorie, wie die Arbeit der Gehirnzellen zu kognitiven Leistungen wie Sprache oder Gedächtnis führt", erklärt Katrin Amunts, Direktorin des Instituts für Hirnforschung an der Uni Düsseldorf. Aus der Sicht der Naturwissenschaft ist das nach der Entschlüsselung der DNA die wichtigste Aufgabe zum Verständnis des Menschseins.

(das)
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