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Essay
Fußball ist unser Leben

Auf die Bundesliga-Saison folgt bald die Europameisterschaft, der Fußball ist zurzeit allgegenwärtig. Die Spiele geben uns den Takt vor und verändern das Zeitempfinden. Von Klas Libuda

Bierhoff dreht sich rechts rum, er zieht mit links ab. Drin! Tor! Deutschland ist Europameister.

Das war 1996 im Londoner Wembley-Stadion, und der arme Petr Kouba, Torwart der tschechischen Nationalmannschaft, war sogar noch dran am Ball.

Ganz egal, Bierhoff zieht sich freudeschreiend das Trikot über den Kopf, und auf den Fernsehschirmen sieht man bald schon Thomas Häßler und Christian Ziege heranstürmen, und das war's. Das ist das, was bleibt nach 20 Jahren: gerade mal zehn Sekunden. Eine große Fußballgeschichte.

Nun ist wieder mal Europameisterschaft, diesmal nicht in England, sondern in Frankreich. Sie beginnt mit dem Spiel zwischen dem Gastgeber und Rumänien am 10. Juni, und zwei Tage darauf tritt die deutsche Mannschaft gegen die Ukraine an. Einen Monat später wird in Paris das Finale ausgetragen, bis dahin gibt es fast jeden Tag Spiele. 51 insgesamt. Ohnehin ist der Fußball zurzeit allgegenwärtig und immer geht es ums Ganze: Auf die Bundesliga folgten das Europa-League- und das Pokalfinale und der Abstiegskampf in den Relegationsspielen. Heute Abend ist das Champions-League-Finale. Und, ach ja, die deutsche Mannschaft hat unlängst ein Quartier in Ascona bezogen, war zu hören. Morgen trifft sie sich zum Testspiel gegen die Slowakei, am Dienstag wird Trainer Löw seinen endgültigen Kader benennen, dann noch ein Testspiel, Auszug aus dem Trainingslager, Einzug ins Quartier in Frankreich, EM.

Im Internet muss man bloß "Trainingslager" und "Nationalmannschaft" eingeben und findet genaue Zeitpläne für die kommenden Wochen. Die Mannschaft groovt sich ein in den Turnier-Takt und wer nur ein bisschen fußballinteressiert ist, swingt mit. "Über die ganze Länge des Turniers hinweg, wiegt der Fußball unsere Stunden, gibt unserem Leben den Rhythmus, eine besondere Betonung, einen Akzent, die Interpunktion, und begleitet es aus der Entfernung wie eine Sommersonne, deren Vorhandensein man irgendwann nicht mehr wahrnimmt", schreibt der Autor Jean-Philippe Toussaint in seinem Buch "Fußball" und meint die Weltmeisterschaft, aber gleiches gilt hierzulande für die EM.

Der Fußball wird zum Grundrauschen aus Spekulationen, Aufstellungen, Meldungen von Verletzungspech und Ergebnissen. Plötzlich ticken die Uhren anders, das ist schon jetzt so, in der Zeit der frohen Erwartung. Jede Nachricht wird nun aufgesogen, der Kader diskutiert, Panini-Bilder werden ausgetauscht, wer Karten hat für die EM, hat seinen Urlaub längst eingereicht und richtet also seine freien Tage am Fußball aus. Während des Turniers ticken die Uhren schließlich nach den Spielen, eine andere Zeitrechnung beginnt, es gibt die Zeit davor und danach, und es gibt die 90 Minuten dabei. Dann wird die Arbeit niedergelegt oder besser schon vorher beendet, Termine werden verschoben oder zum gemeinsamen Fußballgucken verlegt. Denn "als Ganzes betrachtet, handelt es sich bei Fußball um verderbliche Nahrung, sein Verfallsdatum setzt unmittelbar ein", meint Toussaint. Das Spiel verliere "sofort all seinen Reiz, sobald das Resultat bekannt ist".

In der Literatur wird die Erzählzeit von der erzählten Zeit unterschieden, das eine bezeichnet die Zeitspanne, die der Leser für einen Text benötigt, und das andere den Zeitraum, in dem eine Geschichte spielt. Beim Fußballspiel fällt beides ineinander. Das Spiel ist ein Drama in Echtzeit und jede Szene kann den entscheidenden Konter einleiten, der zum Tor führt. Die Geschichte wird während der 90 Minuten geschrieben, darum bleibt man besser bei der Sache. Denn Fußball findet im Hier und Jetzt statt, es ist die maximale Gegenwart, Fußball ist die Feier des einen Moments.

"Du fühlst, du glaubst, du fliegst", singt Herbert Grönemeyer in der Fußballhymne "Zeit, dass sich was dreht". Und tatsächlich sind die spannendsten Spiele ja die in der Schwebe. Dann bleibt die Zeit förmlich stehen, außer auf der Spieluhr. Anrufe werden nicht mehr entgegengenommen, E-Mails nicht abgerufen, und die nachfolgenden Nachrichtensendungen müssen sich dem Spielende anpassen. Weil während der Spielzeit alles andere ausgeblendet wird, kommt es einem bald so vor, als würde in der Zwischenzeit auch nichts passieren.

Das Zeitempfinden ist während eines Spiels gänzlich gestört, sowohl auf dem Platz, als auch auf den Rängen. Den einen kann es gar nicht schnell genug gehen, den anderen fehlt die Zeit. Beim Zeitspiel verlieren Fans der gegnerischen Mannschaft die Geduld. Dann wird geschimpft, dass es kaum noch zum aushalten ist. Das ist die Abfuhr von Affekten. "Je länger das Spiel dauert, desto weniger Zeit bleibt" hat Marcel Reif einmal in einem weniger bedachten Moment gesagt. Heute Abend beendet der Moderator seine Karriere, mit dem Champions-League-Finale möchte er sein letztes Spiel kommentieren. Jahrzehntelang war Reif dabei, auch in Madrid 1998, als ein Tor umfiel und das Spiel zwischen Real und Borussia Dortmund erst eine Stunde später angepfiffen werden konnte. Reif bekam für seine Moderation in der Zwischenzeit den Bayerischen Fernsehpreis. Wer damals vor dem Fernseher saß, vergisst das nie.

Es sind ja die Momente, die wir abspeichern, wie Kapseln, die in den Erinnerungen vergraben werden. Oliver Bierhoffs Tor 1996 gehört dazu und Mario Götzes Tor im WM-Finale vor zwei Jahren, als er den Ball mit der Brust annahm und mit der Fußspitze ins Tor bekam. Auch Zidanes Kopfstoß im Spiel gegen Italien 2006 ist geblieben. Manches geht sogar ins kollektive Gedächtnis über. An Herbert Zimmermanns "Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen! Rahn schießt!" und "Das Spiel ist aus" erinnern sich auch jene, die 1954 noch gar nicht geboren waren.

Das Wembley-Tor ist ebenfalls im Gedächtnis geblieben, als Deutschland 1966 gegen England verlor, auch wegen eines umstrittenen Treffers in der Verlängerung. Es sind also nicht nur die Erfolge, auch die Niederlagen bleiben. Man denke nur an den letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 2001, als sich Schalke schon wie ein Meister fühlte, bis Bayern München in Hamburg noch ein weiteres Tor schoss. Vier Minuten Deutscher Meister, dann war alles hin. So traurig das ist, das Wissen darum, dass alles verlorengehen kann, macht das Spiel erst aus. "Denn genau dafür habe ich meine Mannschaft so geliebt: nicht nur wegen des Siegestaumels" hat der französische Literaturnobelpreisträger Albert Camus einmal geschrieben, "sondern auch wegen dieser Abende nach einer Niederlage, wenn einem zum Heulen zumute ist."

Quelle: RP
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