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Herne
Gerne nach Herne

Herne. Die "Tage alter Musik" locken alljährlich viele Musikfreunde im November in die Stadt im Ruhrgebiet. Wieder bietet das Festival einige Kostbarkeiten. Von Wolfram Goertz

Auch in der Musikgeschichte gibt es mitunter Wettbewerbe oder Rankings. Was ist der tiefste Männerton? In welcher Oper singen nur Frauen? Was ist der höchstgelegene Ort, an dem je eine Oper komponiert wurde?

"La liberazone di Ruggiero dall'isola d'Alcina" von Caccini

Jetzt nähern sich die Tage alter Musik in Herne, eines der wichtigsten Festivals für Musik fernerer Zeiten, und beim Lesen des großartigen und abwechslungsreichen Programms stolpert man über den Titel "La liberazone di Ruggiero dall'isola d'Alcina" von Francesca Caccini. Da war doch was, da war doch was - richtig: Das ist die wahrscheinlich erste Oper einer Komponistin.

Zu ihrer Zeit war diese Francesca Caccini eine Berühmtheit. Der große Claudio Monteverdi sagte 1610 über sie: "In Florenz hörte ich die Tochter des Signor Giulio Romano sehr schön singen und Laute und Clavicembalo spielen." Gemeint war in der Tat die Florentinerin Francesca Caccini, einer der schillerndsten italienischen Künstlerinnen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts - und der bedeutendsten Komponistinnen im Übergang zum Frühbarock.

Mit den Madrigal-Komponistinnen Barbara Strozzi und Maddalena Casulana zeigte Caccini, dass die Ideale der italienischen Renaissance nicht den Männern vorbehalten waren. Das Faszinierende an ihr war, dass sie die meiste Zeit ihres Lebens als freischaffende Musikerin tätig war. Ihre optische Attraktivität machte sie erst recht zu einem Magnet für europäische Fürsten- und Königshäuser. Alle rissen sich um sie, Paris und Florenz ließen sich um ihretwillen sogar in eine diplomatische Krise verwickeln.

Aufgeführt wird Cacchinis Oper am Samstag, 11. November, um 20 Uhr im Kulturzentrum Herne. Es spielt das Ensemble Concerto Soave, mit dabei ist eine exquisite Sängerbesetzung, allen voran die Sopranistin Maria Christina Kiehr.

Geistliche Musik nach Martin Luther aus drei Jahrhunderten

Der mitveranstaltende Westdeutsche Rundfunk Köln mit seinem klugen Programmplaner Richard Lorber sucht seit Jahren immer wieder nach ausgewählten Kostbarkeiten für Herne - und findet sie auch. So haben sie sich um einen besonderen Zugang zum Luther-Jubiläum gekümmert. Mit tollem Ergebnis: Das Kölner Ensemble NeoBarock und Sängerin Marianne Beate Kielland lassen lutherisch inspirierte geistliche Musiken des 16. bis frühen 18. Jahrhunderts in deutscher Sprache aufleben (Donnerstag, 9. November, Kreuzkirche Herne).

Revolutionslieder erklingen in der Künstlerzeche Unser Fritz

In Herne gibt es drei feine Lokalitäten für die Tage alter Musik, bekannt sind das Kulturzentrum und die Kreuzkirche, die ungewöhnlichste ist sicher die Künstlerzeche. Seit der Mitte der 1960er Jahre entwickelte sich aus der stillgelegten Schachtanlage 2/3 ein lokales Zentrum für Künstler, die Künstlerzeche Unser Fritz. Dort wird es, atmosphärisch und ideologisch bestens passend, Revolutionslieder und Klavierwerke des 19. Jahrhunderts geben - darunter moderne Erstaufführungen - mit der "L'Armée des Romantiques", bestehend aus Alain Buet (Bariton) und Rémy Cardinale (Hammerklavier). Die Veranstalter versprechen "eine Art frühromantischen Brecht/Weill-Abend" (Samstag, 11 November, 23 Uhr).

"Der blutige und sterbende Jesus" von Reinhard Keiser

Die früheste Oper einer Komponistin ist in Herne das eine, das andere ist das früheste deutsche Oratorium in deutscher Sprache. Es heißt "Der blutige und der sterbende Jesus": Die Tage Alter Musik bieten dieses Meisterwerk in deutscher Sprache, mit dem Reinhard Keiser 1705 eigentlich eine Oper vorgelegt hatte - sie wurde allerdings heftig angefeindet von der damaligen Hamburger Geistlichkeit. Die Capella Thuringia und die sorgfältig auswählten Sänger leitet der Dirigent Bernhard Klapprott.

Exquisite Musik aus Böhmen und Frankreich

Die Prager Cappella Mariana und Capella Ornamentata mit Vojtech Semerad präsentieren in einer deutschen Programm-Premiere geistliche Vokal- und Instrumentalmusik des 16. Jahrhunderts im Spiegel der böhmischen Reformation. Le Concert Lorrain musizieren mit dem Mezzosopran Judith Gauthier italienisch inspirierte "Cantates francaises" als Kulturrevolution gegen den von Lully geprägten, höfisch sanktionierten französischen Nationalstil. Und das englische Vokalensemble Magnificat unter Philip Cave lässt den florentinischen Mönch Savonarola zu Wort kommen - in Musiken pro und contra den radikal-christlichen Fundamentalisten, der gegen die Vokalpolyphonie der Renaissance wetterte, aber auf dessen Meditationstexte über Psalm 50 gleichzeitig das "Miserere deus" und "In te domine speravi" zurückgehen.

Quelle: RP
 
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