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"1517 - Krefeld und die Reformation"
Glaubenskrieg in Linn

"1517 - Krefeld und die Reformation": Glaubenskrieg in Linn
Burg Linn ist eine bestens erhaltene Flachlandburg aus dem 13. Jahrhundert. Dort werden regelmäßig Führungen angeboten. Ihr angegliedert ist das Museum Burg Linn. FOTO: Lammertz Thomas
Krefeld. Das Museum Burg Linn zeigt unter dem Titel "1517 - Krefeld und die Reformation" Zeitzeugnisse von Luther und seinen Gegnern. Ein Krieg in derber Sprache. Von Petra Diederichs

Hätte Martin Luther vor 500 Jahren die Möglichkeiten unserer Zeit gehabt, dann hätte er seine 95 Thesen womöglich gepostet. Und damit einen wilden Shitstorm ausgelöst. Wer die historische Tür mit den angehefteten Thesenpapieren im Ausstellungssaal des Museums Burg Linn passiert, merkt schnell, dass genau das vor einem halben Jahrtausend geschehen ist. Das gesamte Rheinland war in Aufruhr: Der Glaube bot keine absolute Sicherheit mehr, die über Jahrhunderte gelebten Gesetze der Kirche wurden in Frage gestellt, ihre Repräsentanten zur Zielscheibe für theologische Reformer und politische Machtstreber. Die Welt im 16. Jahrhundert war aus allen Fugen.

Luther war die Galionsfigur, aber die Reformation hat viele Väter. Sie begann nicht am 31. Oktober 1517 an der Wittenberger Schlosskirchentüre und endete nicht mit dem Augsburger Religionsfrieden, der 1555 die Koexistenz von Luthertum und Katholizismus festlegte. Sie ist ein langwieriger, schwieriger und mit zahllosen Kämpfen verbundener Prozess.

Die Ausstellung "1517 - Krefeld und die Reformation", die Christoph Dautermann, stellvertretender Leiter des Museums Burg Linn, und der Sammler Ralf Stefan zusammengestellt haben, zeigt nicht nur das damals kleine Niederrhein-Städtchen Krefeld, das im Kölnischen Krieg (1583-1588) fast ausgelöscht wurde, sondern eine Welt im Glaubenskrieg.

Die Ausstellung beginnt mit Zeugnissen von frühen Reformationsbestrebungen, vor allem im Kölner Raum, und belegt in originalen Zeitdokumenten, Kirchenschätzen und Tafeln mit historischen Einordnungen, dass es nicht nur um Theologie und Seelenheil ging, sondern durchaus auch um politische Macht und weltlichen Besitz. Ein katholischer Pfarrer klagt in einem 47-seitigen Brief, wie ihn die reformationsbestrebten Grafen von Moers mit Auflagen piesaken, ihm mit Reformationspredigern auf die Pelle rücken, damit er sich aus seiner Kirche zurückziehe.

Auch der Kölner Erzbischof Johann Gebhard Truchsess von Waldburg war ein Mobbingopfer. Weil er sich in die protestantische Stiftsdame Agnes von Mansfield verliebte, wollte er aus dem Amt scheiden. Der calvinistische Graf Adolf witterte seine Chance: Er drängte den Bischof zur Ehe. Dazu musste er konvertieren - was wiederum eine neue protestantische Mehrheit im wichtigen Gremium, das den Kaiser wählte, bedeutet hätte. Da Truchsess aber nicht auf seine Ämter verzichten mochte, hat Papst Gregor XIII. ihn 1583 exkommuniziert. Das war der Auslöser für den Kölnischen Krieg. Zu den bedeutendsten Exponaten gehört die "Biblia Deudsch" von Martin Luther, die erste vollständig in deutscher Sprache veröffentlichte Bibel, ist ein sprachliches und ästhetisches Meisterwerk mit prächtigen Holzschnitten von Lucas Cranach d. J., noch zu Lebzeiten Luthers 1541 in Wittenberg gedruckt. Sie ist eine von zwei Originalbibeln aus dem Besitz des Krefelder Museums (die zweite ist für eine Reformationsausstellung nach Essen ausgeliehen).

Der Karlsruher Virtuelle Katalog, die größte bibliophile Datenbank, kennt etwa drei Dutzend noch erhaltener Bibeln aus jener Zeit. Wie scharf Luthers Ton wurde gegen den "römischen Sitz des Antichrist" und die Sieben Sakramente, "durch welche Rom das ganze Leben der Christen an sich kette", zeigen etliche Originalschriften. Auch seine Gegner - der schärfste war Johannes Eck (1486-1543) - formulierten nicht zimperlich. Zwinglianer, Calvinisten, Hugenotten, Mennoniten und Anglikaner, die sich in jenen Jahren abspalteten, befeuerten ebenfalls den Konflikt der Konfessionen.

Ein Kontrastprogramm ist im benachbarten Deutschen Textilmuseum zu erleben. 35 Künstler aus Asien und Europa haben dort aus textilen Fasern, aber auch hauchdünnen Drähten und Blattadern, die sie wie feinste Wolle verstricken, poetische Wandbilder und Objekte geschaffen.

Und im Jagdschloss von Burg Linn erklingt an jedem Sonntag Musik aus einer der größten Sammlungen mechanischer Musikinstrumente in NRW - von der kleinen historischen Spieluhr bis zur volltönenden Zimmerorgel.

Quelle: RP
 
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