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Im Abenteuerland

Mit Jean Tinguelys Kunstwerken ziehen Poesie, Erfindergeist und Spielfreude ins Museum Kunstpalast. Seine Maschinen können zeichnen. Und sie rattern und scheppern, dass es nur so kracht. Von Annette Bosetti

Der Schreck fährt einem in die Glieder. Schlagen da Kessel, Teller und Tassen gleichzeitig auf hartem Boden auf? Es rattert und scheppert, klappert, knirscht und klirrt. Geschätzte 100 Dezibel. Ein Lärmgewitter. Und das im Museum!

Im ehrwürdigen Ehrenhof ist das Werk von Jean Tinguely ausgebreitet. Der Schweizer war ein berühmter Künstler, Vertreter des Nouveau Réalisme, bekannt geworden und in die Kunstgeschichte eingegangen durch die Erfindung seiner absurden, wundervollen, fantastischen Maschinen-Skulpturen, die zu allen Zeiten die Menschen begeisterten. Ja, die Betrachter lächelten ihn fast immer an, wenn er seine Maschinen vorstellte. Warfen die Apparate an, setzten sich drauf, erzeugten Zeichnungen durch das Bewegen der Pedale. Oder sie kletterten Leitern hoch. Und sie staunten.

Die Reaktion auf sein Werk war Tinguely wichtig, besonders die von Kindern. Weil er deren Reaktionen für echt hielt. Und weil er sich selbst bis ins nicht so hohe Alter - er starb 1991 mit 66 Jahren - eine kindliche Sicht der Dinge bewahrt hat. Tinguelys Werk, das steht neben technischem Kalkül und exzellenter Konstruktionskunst für Sinnlichkeit, Unerbittlichkeit im Nachfassen, Fantasie, Lust, Spielfreude, Poesie und Experimentiergeist.

Ausstellung Für Generaldirektor Beat Wismer ist es eine Herzensangelegenheit, mit Tinguely einen Landsmann in seine zweite Heimat Düsseldorf zu holen. Mit der Szene am Rhein, mit den Galeristen der ersten Stunde und mit den Zero-Künstlern pflegte Tinguely regen Austausch. In Düsseldorf stellte ihn Alfred Schmela 1959 erstmals aus. Dem legendären Galeristen und seinem Geist ist eine Deckenskulptur mit allerlei Leuchtbirnen gewidmet.

Dem Schweizer Wismer ist es zu verdanken, dass unter den rund 100 Ausstellungsstücken die riesige Arbeit Meta-Maxi-Maxi-Utopia ist, die das Heimatmuseum in Basel noch niemals zuvor ausgeliehen hat. Zwölf Lkw-Züge mussten für diese Arbeit bewegt werden, der Abbau in Basel und der Aufbau in Düsseldorf werden dokumentiert. Im Museum Kunstpalast wird die große Meta-Maxi die Besucher-Attraktion sein mit ihren anekdotischen Anspielungen, mit Riesenrädern, roten Geranien, mit Rettungsringen und einem blassrosa Samtvorhang, mit Gartenzwerg und einem Zirkuspferd, das der Künstler auf dem Dach eines alten Mercedes aus Belgien in die Schweiz geschafft haben soll. Auf Knopfdruck setzt sich die Meta-Maxi behäbig in Bewegung. Und der Gartenzwerg taucht ab.

Aktion Alles bewegt sich bei Tinguely. Er wollte mit seinen Arbeiten Interaktion erzeugen, den elitären Ort Museum in einen publikumsnahen Raum verwandeln. Kunst und Leben sollten verschmelzen. So stellte er sich das vor. Besonders die jungen Besucher werden diese Ausstellung lieben, werden ihr digitales Spielzeug vergessen und sich der Faszination der Mechanik hingeben. Per Knopfdruck legen die Apparate los, manchmal auch per Bewegungsmelder. Auf die Meta-Maxi hinaufklettern dürfen Kinder erst ab zwölf Jahre, denn oben kann es einem schwindlig werden.

Werk Unter den wuchtigen Arbeiten sind zarte, filigrane oder monochrom schwarze in Serie. Auffällig ist der Einsatz von Fundstücken. Im Ballett des Pauvres, das laut scheppert, findet man Fuchsschwanz mit Kleid und Silberplatte vereint.

Tinguely liebte das Leben und die Frauen. Eine mit seiner zweiten Ehefrau Niki de Saint Phalle geschaffene Doppelskulptur ist in Düsseldorf ausgestellt: Auch die berühmte Nana dreht sich.

Es gibt vieles zu entdecken in dieser Ausstellung, Anspielungen aus einem reichen Leben, das am Ende von Krankheit und Tod bedroht war. In aller Heiterkeit steckt immer auch Schwere, im Spätwerk werden Themen wie Tod und Vergänglichkeit immer wichtiger. Im Raum hinter der Meta-Maxi-Maxi ist es sehr dunkel, Schatten fügen sich zu einem makabren Tanz. "Mengele-Totentanz" heißt diese schaurige Arbeit aus 14 Maschinen der Landwirtschaft. "Mengele" ist auf einem Mähdrescher eingestanzt - der Konstrukteur entfernt verwandt mit dem KZ-Arzt. Assoziationen zu den Vernichtungsmaschinen der Nationalsozialisten sind also kein Zufall.

Quelle: RP
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