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Köln
In jedem Lied die ganze Welt

Köln. Der 1969 in Bayern geborene Christian Gerhaher ist einer der bedeutendsten Sänger des internationalen Musiklebens. Jetzt hat er seine Erfahrungen in einem Buch ausgebreitet. Titel: "Halb Worte sind's, halb Melodie". Von Wolfram Goertz

Es hat nicht viel gefehlt, und er wäre vermutlich ein sehr guter, empathischer, aufmerksamer, gründlicher Arzt geworden. Seine Doktorarbeit hatte er über die Spiegelung des Handgelenks geschrieben, und den alten Mediziner-Lernspruch "Ein Kahn, der fuhr im Mondenschein im Dreieck um das Erbsenbein" (das beschreibt in Morgenstern-Art vier Handwurzelknochen) dürfte er leicht aus dem Hut seines Gedächtnisses ziehen. Aber die einzelnen Glieder bedeuteten ihm vermutlich weniger als der ganze Leib, dieses tönende Organ, dem er schon damals, als er noch Medizin studierte, wunderbare Töne entlockte.

Die Entscheidung für die Musik fiel dann 1998 wie von selbst - aus einer reifen Einsicht: Man kann nicht mit gleicher Intensität praktizierender Dr. med. sein und die Facharztausbildung anstreben und auf der anderen Seite einen bedeutenden Musikpreis gewinnen und ein Engagement für die New Yorker Carnegie Hall annehmen.

Man kann vielleicht schon, aber Christian Gerhaher (1969 in Straubing geboren) wollte es nicht können. Er wollte sich nicht zerreißen und ist immer noch ein viel zu wahrhaftiger Mensch, als dass er Mischformen der Lebensgestaltung zuließe, die auf keiner Seite etwas Vernünftiges zustande kommen lassen. Nein, es sollte ganz die Musik sein, der Gesang. Er hatte schon die Opernschule der Münchner Musikhochschule besucht, er hatte Unterricht bei Paul Kuën, Raimund Grumbach und Helmut Deutsch genossen, er verfeinerte seine Kompetenz bei Dietrich Fischer-Dieskau, Inge Borkh und Elisabeth Schwarzkopf - und heute darf man sagen: Er ist derzeit der intelligenteste, seriöseste und schönststimmige Bariton deutscher Sprache.

Seine Stimme ist wie Balsam, seine Art zu singen ein oftmals frühlingshaft drängendes Legato, aus dem sich Wörter wie junge Triebe schälen - oder wie alte, bittere Erkenntnis, je nach Kontext. In seinen vielen besten Momenten gelingt es Gerhaher, dass Wort und Musik einander still küssen, wie es Himmel und Erde in Eichendorffs "Mondnacht" und Schumanns gleichnamigem Lied geschieht.

Jetzt hat Christian Gerhaher, der sich in den vergangenen Jahren vor Preisen nicht retten konnte und längst an den größten Bühnen der Welt singt, ein Buch geschrieben, das man jedem Sänger auf den Nachttisch wünscht. Es heißt - wieder im Eichendorff-Zitat - "Halb Worte sind's, halb Melodie" und liefert das Selbstverständnis eines sensiblen Künstlers, der seinen Gesang nicht wie vier Buben beim Skat auf den Tisch donnert, sondern der sich fortwährend fragt: Was mache ich hier? Wo führt mich das hin? Wie singe ich? Wie klinge ich? Und was fange ich mit meiner Musik an?

Das Buch ist als große Kurve der Reflexion in Interview-Form gehalten. Von der Journalistin Vera Baur bekommt der Künstler sanft lenkende Fragen gestellt, die er ausführlich, detailreich und trotzdem temperamentvoll beantwortet. Nicht alles ist einem neu, doch eine Nabelschau ist es mitnichten. Von Gerhahers offenen Vorlieben und heimlichen Neigungen wusste man immer schon: dass Robert Schumann, der große Liedkomponist, beinahe sein Abgott ist. Dass er mit den Opern von Giacomo Puccini wenig bis nichts anfangen kann. Dass er es inakzeptabel findet, wenn Sänger ausgebuht werden, in Bayreuth oder sonstwo. Dass Routine ihm suspekt ist. Dass ein Abend fürs Publikum eine "Sternstunde" gewesen sein kann, auch wenn er selbst ihn "entsetzlich" fand. Diesmal schreibt er alles so auf, dass man zahllose Seiten des Buchs mit der Randnotiz "Genau!" versehen möchte.

Was hat dieser Künstler nicht schon alles gesungen! Mozarts Don Giovanni hat er zu einer Leib-und-Magenrolle erkoren. Mozarts Opern leben für ihn ganz im Moment, und in einer Frankfurter Aufführung sei ihm bewusst geworden, "dass gerade die Rolle des Don Giovanni dieser Momenthaftigkeit des Erlebens in der Oper maximal entspricht". Neben Mozart und Schumann gibt es noch andere Weisen, die ihn leiten. Eine geheime Lieblingsoper ist Debussys "Pelléas et Melisande".

Ein großer Gedankenstrang gilt der Frage der künstlerischen Haltung. Gerhaher beschreibt sie als eine fortwährende Verwandlung: "Wenn ich an einem Tag die ,Winterreise' gesungen habe und am nächsten Tag die ,Müllerin', dann wird die ,Winterreise' nach dieser ,Müllerin' wieder eine andere sein." Erfahrungen mit einem Werk verändern seine Sicht auch auf andere; umso wichtiger sei es, dass der Sänger nicht passiv wird und sich seiner Kunst unterwirft, sondern sich ihr immer wieder neu und mit ganzer Kraft stellt. "Man muss immer 100 Prozent anstreben (nicht an Perfektion, sondern an Willen), das macht unseren Beruf ja so schwierig."

Jeder Abend öffnet einen eigenen Fluchtpunkt, dem der Sänger nicht entkommen sollte: "Man kann natürlich auf Nummer sicher gehen und ein schwieriges Lied technisch kontrolliert singen und sich dadurch jedem Risiko zu entziehen versuchen; doch damit wird häufig die ganze vorgestellte Interpretation hintangestellt, und ich glaube, ein großer Spaß ist es auch nicht gerade." Deshalb lautet das Gerhahersche Gesetz: Als Sänger "sollte man einen gewissen ,Killer-Instinkt' mitbringen, der einen fasziniert und überzeugt sein lässt, eine Idee auf der Bühne Gestalt werden zu lassen; man spricht auch gerne von der Erscheinung der ,Rampensau'". Gerhahers Humor ist beispielhaft, sehr leise, aber er kann auch umschlagen in jenen Witz, dessen Bruder der Zorn ist.

Trotzdem ist Gerhaher nicht der ungeschlachte Bonvivant, der auf einer Bühne steht und sozusagen die Hose runterlässt. Er macht sich manchmal eher in dieselbe. Vor Lampenfieber ist Dr. med. Gerhaher nicht gefeit, manchmal hat er Angst, den Text zu vergessen. Dies sei "verheerend und quälend", und es habe eine Phase gegeben, in der er ein "ängstlicher Typ", ein "Neurotiker und Flattermann" gewesen sei. "Jetzt habe ich mich wieder dazu aufgerafft, dass ich auf der Bühne so etwas wie Souveränität entwickle und Stärke ausstrahlen kann."

Was hat der Sänger Gerhaher davon, dass er Arzt ist? Nun, er kommt leichter an Medikamente, wenn er sie braucht. Vor allem kann er anatomisch bildreich erklären, was in seinem Körper passiert, wenn er singt. Das ist ein komplexer Vorgang, und in andere Körper schaut er ja nicht hinein. Wenn Gerhaher singt, dann hört man von Technik und Physiologie nichts. Dennoch ist er das Gegenteil des Naturburschen à la Hermann Prey, und ein Mahler-Lied mit Christian Gerhaher bietet alles, was große Musik braucht: Ausdruck, Wehmut, Gebrochenheit und den unbedingten Willen, in jedem Lied nichts weniger als die Welt zu entdecken.

Quelle: RP
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