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Jay-Z legt mit 47 sein erstes Alterswerk vor

HipHop Im HipHop gab es lange keine Alterswerke. Irgendwann wurden selbst die besten Rapper von Inspiration und Flow verlassen, die meisten jenseits des 40. Geburtstags, manche schon früher - siehe Eminem und Lil' Wayne. Die aktuellen Alben von De La Soul und A Tribe Called Quest haben indes bewiesen, dass sich daran allmählich etwas ändert; das sind großartige Wortmeldungen aus dem ästhetischen Spätherbst. Und nun legt auch der inzwischen 47 Jahre alte König von New York eine neue Platte vor: "4:44" von Jay-Z ist eine überragende Produktion.

Jay-Z hat sich ja stets als fehlerfreier Skyline-Bewohner inszeniert, der mit allen Wassern der Gosse gewaschen ist und nun mit seiner Frau Beyoncé die Freuden des Überflusses genießt. Beyoncé brachte jüngst jedoch eine Platte heraus, auf der sie andeutete, dass der Gatte doch kein so toller Kerl ist. Von Betrug sprach sie, Ehekrise. Jay-Z nimmt in einigen der zehn neuen Songs dazu Stellung, er gibt zu, dass er Mist gemacht hat, und weil er gerade dabei ist, legt er gleich noch ein paar Geständnisse und Intimitäten obendrauf.

Man muss diese Anspielungen aber gar nicht verstehen oder zuordnen können, um von dieser Platte überwältigt zu werden. Denn Jay-Z rappt so dringlich und virtuos wie seit Jahren nicht. Er ist nicht mehr so wendig wie einst, er schleift die Kanten der Worte nicht mehr so scharf wie früher. Er ist weicher geworden, ohne aber an Nachdrücklichkeit zu verlieren; man hört einem Kerl zu, der über biografische Brüche philosophiert, und die neue, düster angegrübelte Weisheit steht Jay-Z verflixt gut.

Außerdem hat Ernest Dion Wilson, genannt No I.D., tolle Arrangements für seinen Chef geschaffen. HipHop-Alben haben zumeist mehrere Produzenten pro Lied, aber hier ist eine Person für alles verantwortlich. Jeder Song basiert auf einem Sample - Nina Simone, Fugees und Donny Hathaway -, und die meisten Stücke wären schon als Instrumentals bemerkenswert. Das ist HipHop für Erwachsene, vielleicht gibt es demnächst auch in diesem Genre späte Karrieren und verblüffende Neu-Ausrichtungen wie einst bei Johnny Cash und Frank Sinatra.

Philipp Holstein

Quelle: RP
 
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