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100. Katholikentag
Katholische Kirche übt den Umgang mit Nicht-Gläubigen

Leipzig. Auch so müssen wir uns demnächst eine Alphabetisierung des Glaubens vorstellen: mit einer riesigen Kirchenbank zum Ausruhen in der City, der sogenannten White Box, die als Beichtstuhl gedacht ist, einem digitalen Altar als Kummerkasten und einem Zelt als Tabernakel, in dem man sagt, was einem heilig ist. Um solche Sachen geht es nämlich in Kirchen. "Off Church" heißt das Projekt des 100. Katholikentages, mit dem am scheinbar Gott-verlassenen Ort bedeutsames Kircheninventar vorgeführt wird. Von Lothar Schröder

Alle haben gewusst, worauf sie sich bei der Wahl Leipzigs zum "Austragungsort" des katholischen Laientreffens einlassen. Nicht einmal jeder fünfte Einwohner der Revolutionsstadt von '89 ist christlich; nur vier Prozent sind Katholiken. Da nennt man dann rund 32.000 Dauerteilnehmer "ordentlich" und 4000 Tagesbesucher freundlich "ausbaufähig". Allein bei den täglichen Anmeldungen ist sonst etwa das Zehnfache üblich. Leipzig zeigt der Kirche zunächst das: was Entchristlichung bedeutet. Einige große Feiern habe Fernseh-taugliche Bilder geliefert; und sowohl der Berliner Erzbischof Heiner Koch als auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx haben diese Bühnen zu nutzen gewusst. Engagiert, selbstbewusst, kraftvoll. Für Barmherzigkeit und die Fürsprache für Flüchtlinge. Natürlich für das Evangelium, das, so Marx, eben unabhängig von Meinungsumfragen ist und zu sein hat.

Solche Botschaften erreichen die, die sie hören wollen. Unvergesslich der Eröffnungsgottesdienst auf dem Augustusplatz. Weil Fronleichnam in Leipzig kein Feiertag ist, zieht quer durchs betende Gottesvolk die große Schar der Kauflustigen. Esprit-Taschen neben Eucharistie-Empfängern. Eine Sorge des gastgebenden Bistums war es, ausgerechnet zum Glaubensfest ohne Bischof dazustehen. Rom schien das erhört zu haben und ernannte noch vor Beginn Weihbischof Heinrich Timmerevers aus Münster zum Nachfolger Heiner Kochs. Doch der Neue bleibt in Leipzig ein weitgehend Unsichtbarer. Er nimmt so dezent teil, wie es das vor langer Zeit verabschiedete Programm für ihn vorgesehen hat. Wenig genug. Im Grunde unglaublich.

Nicht weniger erstaunlich, dass Politiker kaum noch ziehen. Gauck? De Maizière? Die Auftritte von Bundespräsident und Innenminister ereignen sich in Riesenhallen vor fast leeren Rängen. Aus Rom ist Annette Schavan gekommen - unsere Botschafterin am Heiligen Stuhl. In der Nicolaikirche, Keimzelle ostdeutscher Selbstbehauptung von Bürgern und Christen, warnt sie vor neuen Grenzen und bekommt viel Applaus für Aufmunterungen wie diese: "Wir müssen keine Angst haben vor Menschen, die auf andere Weise an Gott glauben." Ermutigt von Papst Franziskus wird zudem viel über das Diakonat der Frau geredet; über die Chancen, die Perspektiven. Manche sagen, das sei ein altes Thema und erinnern an die Würzburger Synode, von der aus 1975 eine Anfrage in dieser Causa nach Rom geschickt wurde. Seither wartet man auf die Antwort. Dabei ist das Anliegen uralt. Schon 1849 formulierten Laien ihre Gedanken zum Frauen-Diakonat. Jedoch ohne die "Betroffenen", denn die waren beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken erst ab 1921 dabei. Und es reicht nicht, solche Anfragen nur zu stellen; man muss sie bis nach Rom verfolgen, so der Kirchenhistoriker Hubert Wolf: "Wenn man für das Diakonat der Frau eintritt, muss man dem Papst auch sagen, dass man ihm bei der Beantwortung seiner Frage gerne weiterhilft."

In Leipzig scheinen alle Lernende zu sein. Ein Obdachloser besteigt die im "Off-Church"-Projekt ausgestellte Kanzel. Warum er das mache, fragt einer. Damit ich einmal wahrgenommen werde, sagt er.

Quelle: RP
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