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Klangskulpturen von Kelela

Zukunftsmusik Es stimmt nicht, was einige Pessimisten sagen, es ist nicht wahr, dass sich nichts Neues in der populären Musik ereignet. Der Beweis ist das Album "Take Me Apart" von Kelela, der 34 Jahre alten R'n'B-Sängerin aus den USA. Man muss sich nur das Titelstück anhören, das sich in den ersten Sekunden darum bewirbt, nachträglich Aufnahme in die Tracklist von Janet Jacksons großartiger Platte "The Velvet Rope" aus dem Jahr 1997 zu finden.

Die Bässe werden allmählich immer schwerer und unheimlicher, der Pulsschlag beschleunigt sich, Kelela singt mit sich selbst im Chor. Die Kälte der synthetischen Sounds kontrastiert mit dem beseelten Gesangs Kelelas, die Girlanden aus "Uhs" und "Ahs" flicht. Die Struktur bricht, Vers und Refrain sind nicht mehr zu trennen, und was da aus den Trümmern überwundener Schemata aufsteigt, ist ein neuer Sound, eine Selbstermächtigung. Die Eltern von Kelela kamen in den 1970er Jahren aus Äthiopien in die USA.

Kelela gehört einer Generation von schwarzen Künstlerinnen an, deren Musik man mit dem Etikett "Future R'n'B" ausgezeichnet hat. FKA Twigs und Abra wären noch zu nennen, und gemeinsam ist ihnen, dass sie jene Phase überwinden wollen, in der das Genre von Kolleginnen wie Mariah Carey unter weißen Pelzmänteln erstickt wurde. Kelela und Co knüpfen bei Aaliyah und TLC an, und sie errichten auf diesem Fundament ihre eigenen Klangskulpturen.

Kelela spielt die Künstlichkeit ihrer Kompositionen gegen die Hingabe aus, mit der sie ihre Geschichten von Anziehung und Abstoßung erzählt. Sie schmeichelt und klagt, und die variantenreichen Arrangements reagieren unmittelbar auf die Temperaturschwankungen. Es gibt viele Schichten und Lagen in diesen Songs. Nie ist absehbar, wie ein Lied endet, wie es sich auffächern wird. Alle Spielarten des Zusammenseins zweier Menschen werden durchdekliniert.

Manchmal lässt sich Kelela schartige und stark gebrochene Beats von Arca basteln, der auch Björk und Kanye West beliefert. "Take Me Apart" ist eine unerhörte und überwältigende digitale Fantasie. Sie handelt von der Beziehung zwischen Körpern in der Gegenwart. Philipp Holstein

Quelle: RP
 
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