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Klassik
Klaviermusik des russischen Futurismus

Es war der 20. Februar 1909, als der junge italienische Jurist und Dichter Filippo Tommaso Marinetti ausgerechnet in einer französischen Zeitung, nämlich in "Le Figaro" sein "futuristisches Manifest" aufstellte und damit die futuristische Bewegung begründete. Seine Forderungen gipfelte in einem Satz: "Bis heute hat die Literatur die gedankenschwere Unbeweglichkeit, die Ekstase und den Schlaf gepriesen. Von Wolfram Goertz

Wir wollen preisen die angriffslustige Bewegung, die fiebrige Schlaflosigkeit, den Laufschritt, den Salto mortale, die Ohrfeige und den Faustschlag." Vor allem liebten die italienischen Futuristen schnelle Autos, und der ideale Dichter war dann auch der ideale Lenker. Dieser italienische Futurismus war das Impulsfeuer, dem die (selbst ernannten) Futuristen in vielen Ländern folgten. Marinetti war natürlich ein Guru, der Jünger reihenweise um sich scharte - das war anderen suspekt.

So haben sich die russischen Futuristen immer ein wenig davon distanziert, dass ihnen Marinetti in einer Wanderausstellung 1912 in St. Petersburg den Futurismus sozusagen importiert hatte. Egal, der russische Futurismus gilt vor allem als literarischer Ableger (vor allem wegen Wladimir Majakowski), was aber nicht stimmt. Der musikalische Strang war fast ebenso bedeutend. Jetzt hat der vorzügliche Essener Pianist Thomas Günther seine Gesamtaufnahme aller relevanten Klavierwerke des russischen Futurismus abgeschlossen, die beim Label Cybele gemeinsam mit dem Deutschlandfunk entstanden ist.

Hier begegnen uns natürlich einige gute oder einigermaßen gute Bekannte (wie Alexander Skrjabin oder Arthur Lourié). Doch wer kennt Nikolaj Obuchov, Nikolaj Roslavets, Alexander Mosolov oder Igor Wyschnegradsky? Wir hören wunderbare Musik, die ihre Energie in Stille oder motorische Gewalt umwandelt. Es sind zum Teil Aquarelle, die impressionistisch getönt sind, aber auch aggressive Verläufe, die die Elemente in die Luft sprengen.

Günther bewährt sich als glänzender Techniker und wunderbarer Klavier-Intellektueller, der auch die sensuelle Seite dieser Musik faszinierend trifft.

Quelle: RP
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