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Internationaler Tag der Ozonschicht
Wie die Menscheit ihre Achillesferse entdeckte

Internationaler Tag der Ozonschicht: Die löchrige Achillesferse der Menschheit
Das Ozonloch über der Antarktis am 24.09.2006 (rechts) und am 09.06.2013. Die blauen und violetten Farben zeigen an, dass die Ozonschicht dünn ist, die gelben, grünen und roten weisen auf mehr Ozon hin. FOTO: dpa, lof
Bremerhaven/Potsdam. Vor 30 Jahren alarmierte der erste Bericht über das Ozonloch die Öffentlichkeit. Die Menschheit hatte Glück: Dank einer Verkettung günstiger Umstände schrammte die Welt knapp an einer Katastrophe vorbei.

Vor 35 Jahren ahnte niemand, dass rund 20 Kilometer über dem Südpol Chemikalien die Ozonschicht zersetzten, die die Erde gegen die gefährliche UV-Strahlung abschirmt. Als Joe Farman von der britischen Antarktis-Station Halley Bay Anfang der 1980er Jahre Hinweise darauf entdeckte, tauschte er sein Messinstrument aus.

Doch die Resultate blieben: Jedes Jahr nach dem Ende der monatelangen sonnenlosen Polarnacht schwanden die Werte des Ozons (O3), wenn auch nur für mehrere Wochen. Allerdings sanken sie von Jahr zu Jahr mehr.
"1985 dämmerte uns plötzlich, dass wir vor einer der größten Umweltentdeckungen des Jahrzehnts, vielleicht sogar des Jahrhunderts, standen", sagte Farman in einem Interview. Am 16. Mail 1985 schrieben die Forscher in der Zeitschrift "Nature": "Die jährliche Variation des Gesamtozons in Halley Bay hat sich dramatisch verändert."

Der Bericht rüttelte Fachwelt und Politik auf. Schon vorher waren einige Forscher um die Ozonschicht besorgt - vor allem wegen der Fluorkohlenwasserstoffe (FCKW). Diese Verbindungen wurden seit den 1960er Jahren massenhaft als Treibgase, Kühlmittel oder für Schaumstoffe hergestellt und gelangten auch in die Umwelt.

Aber selbst Kritiker dachten, die Inhaltsstoffe würden flächendeckend rund um den Globus Schäden anrichten. Mit einem Ozonloch über der Antarktis rechnete niemand. "Das Überraschende war: Das Ozonloch entstand am Ende der Welt, wo keine FCKW freiwurden", sagt Gert König-Langlo vom Alfred-Wegener-Institut (AWI), Leiter des meteorologischen Observatoriums der Antarktis-Station Neumayer III.

Dass sich das Ozonloch ausgerechnet über dem unbewohnten Teil des Planeten auftat, war Glück. Über bewohntem Gebiet hätte eine solche Ausdünnung der Schutzschicht Millionen Hautkrebs-Erkrankungen verursachen können. "Das Ozonloch bildete sich an der günstigsten Stelle", sagt Markus Rex vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam, der dem UN-Panel zum Status der Ozonschicht angehört.

Rückblick: Bis in die 1970er Jahre galten FCKW als ideale Kältemittel und Treibgase: Geruchlos, durchsichtig, ungiftig und chemisch stabil. "Die Industrie war sehr glücklich damit", sagt Rex. "Man hielt sie für die perfekten Stoffe." So gelangten binnen kurzem Millionen Tonnen der Verbindungen in die Atmosphäre. Erst 1974 meldeten sich Mahner zu Wort: Aus FCKW stammende Chlor-Radikale könnten in großer Höhe Ozon abbauen, warnten die Forscher Mario Molina und Sherwood Rowland.

Als Reaktion darauf wurden FCKW in den USA und Skandinavien aus Spraydosen verbannt. Ebenso wichtig: Die Gesellschaft war sensibilisiert, als Farman 1985 seine Ergebnisse veröffentlichte, die die Nasa nachträglich durch Satellitenmessungen bestätigte. Nach Bekanntwerden des Problems reagierte die internationale Gemeinschaft rasch: Zwei Jahre nach Farmans Bericht, am 16. September 1987, einigten sich fast 200 Staaten auf das Montreal-Protokoll, das 1989 in Kraft trat und den FCKW-Ausstoß zunächst einschränkte und durch Zusatzabkommen ab 1996 komplett verbot.

Damit waren die FCKW, die in der Atmosphäre extrem langlebig sind, aber nicht aus der Welt. FCKW-12 etwa hat eine Lebensdauer von mehr als 100 Jahren. Ihr Maximum erreichte die FCKW-Konzentration um das Jahr 2000. Seitdem ist die Menge lediglich um etwa 5 Prozent gesunken. 2006 erreichte das Ozonloch die Rekordfläche von 27 Millionen Quadratkilometern - und war damit fast so groß wie Afrika.

Auch in anderen Regionen schrumpfte die Ozonschicht etwas, über Mitteleuropa um etwa fünf bis zehn Prozent, sagt Wolfgang Steinbrecht vom Deutschen Wetter-Dienst (DWD). Erst im September 2014 stellte die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) fest, dass das Montrealer Abkommen ein Erfolg war. Schließen wird sich das Ozonloch Prognosen zufolge um das Jahr 2070. Erst gegen Ende des Jahrhunderts wird die Atmosphäre wieder frei von FCKW sein.

Rowland und Molina erhielten für ihre Arbeiten 1995 den Nobelpreis für Chemie, zusammen mit dem Atmosphärenforscher Paul Crutzen, damals Leiter des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz. Ihre Forschung habe gezeigt, "dass die dünne Ozonschicht eine Achillesferse der Menschheit darstellt", so das Preiskomitee. Die Wissenschaftler hätten "dazu beigetragen, uns alle vor einem globalen Umweltproblem zu bewahren, das katastrophale Konsequenzen bekommen könnte". Die Vereinten Nationen schätzen, bis 2030 würden jährlich etwa zwei Millionen Menschen vor Hautkrebs bewahrt.

Experten betrachten das Ozonloch zudem als Beispiel dafür, dass die Menschheit durchaus schnell weltumspannend auf Bedrohungen reagieren kann. "Wenn der Mensch will, dann schafft er das auch", sagt König-Langlo. Auch damals habe es geheißen, man könne nicht auf FCKW verzichten - ähnlich der heutigen Diskussion um das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2). "Doch dann ging alles ganz schnell."

(dpa)
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