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UN-Klimagipfel
Der lange Weg zur Welt ohne Kohle

UN-Klimagipfel: Der lange Weg zur Welt ohne Kohle
Angela Merkel unter den Teilnehmern der UN-Klimakonferenz. FOTO: afp, vel
Paris. Die Bundeskanzlerin pocht beim UN-Gipfel auf ein verbindliches Klimaabkommen, das Wirtschaft und Verkehr umkrempelt. Der Widerstand aber ist groß: Entwicklungsländern geht das nicht weit genug, Arabien und USA geht es zu weit. Wir beantworten die wichtigsten Fragen dazu. Von Antje Höning und Christine Longin

Zumindest der Auftakt war ein Erfolg: 147 Staats- und Regierungschefs kamen am Montag nach Paris, um den Klimaschutz voranzubringen. So überwältigend war die Teilnahme an der Klimakonferenz, dass die Staatenlenker kaum aufs Familienfoto passten. "Noch nie waren so viele Regierungsvertreter zusammen und noch nie stand so viel auf dem Spiel", sagte Präsident François Hollande in seiner Eröffnungsrede. Nach dem Scheitern der Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen will Frankreich diesmal einen Erfolg vorweisen, denn: "Es geht um die Zukunft des Planeten."

Auch Angela Merkel erklärte: "Wir wissen, wir müssen handeln." Die Kanzlerin forderte einen verbindlichen Klimaschutzvertrag und kritisierte die bisher von den Staaten gemachten Einsparzusagen als nicht ausreichend. Der Gipfel dürfte die Erwartungen von Milliarden Menschen nicht enttäuschen.

Was ist das Problem?

Die Erderwärmung, die zu Dürre, Überschwemmungen, Versauerung der Meere und Flüchtlingselend führt, geht zum großen Teil auf die Industrialisierung der Welt zurück. Um eine weitere Erwärmung zu stoppen, müsste man laut Internationaler Energieagentur rund zwei Drittel der vorhandenen fossilen Brennstoffe im Boden lassen und auf alternative Energien ausweichen.

Was soll der Gipfel bringen?

Wenn es gut läuft, schreiben die Staatschefs in einem Abkommen das Ziel verbindlich fest, den Anstieg der Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Realistisch ist dies nur zu erreichen, wenn die Welt sich zum Ausstieg aus der Kohle (Dekarbonisierung) verpflichtet. Daher wollen Deutschland und andere G 7-Staaten, dass man den Ausstieg bis Ende des Jahrhunderts festschreibt. Zudem sollen die Staaten freiwillig zusagen, Jahr für Jahr mehr Treibhausgase einzusparen. Als drittes soll ein Klimafonds in Höhe von 100 Milliarden Euro aufgelegt werden, der Entwicklungsländer bei der Finanzierung von Klimaschutzmaßnahmen unterstützt.

Was sind die Knackpunkte?

Länder, die wie Saudi-Arabien von fossilen Brennstoffen leben, wollen grundsätzlich keine Dekarbonisierung festschreiben. Länder, die wie Südseestaaten besonders unter dem Klimawandel leiden, wollen, dass sogar Regeln für Schadenersatz festgeschrieben werden und Industriestaaten haften müssen. Das lehnt der Westen aber wegen unklarer Verantwortlichkeiten ab.

Die USA wiederum lehnen ein rechtlich verbindliches Abkommen ab. Denn dieses würde Präsident Obama vermutlich nicht durch den von den Republikanern kontrollierten Kongress bringen können, unter denen viele Ölfreunde sitzen.

Was würde Dekarbonisierung für die deutsche Wirtschaft bedeuten?

Die Energiebranche würde vom Kopf auf die Füße gestellt. Derzeit kommen noch 26 Prozent des deutschen Stroms aus Braunkohle, 18 Prozent aus Steinkohle und zehn Prozent aus Gas. Diese Kraftwerke und ihre Beschäftigten werden dann nicht mehr benötigt, entsprechend müssten die erneuerbaren (Anteil heute: gut 25 Prozent) weiter ausgebaut werden. Doch da die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer weht, sind gewaltige Speicher nötig. Die Zeiten großer Versorger wie RWE und Eon ist vorbei, die Versorgung wird dezentraler. Auch Chemie- und Stahlkonzerne, die sich oft mit eigenen konventionellen Kraftwerken versorgen, müssen umdenken und künftig auf grüne Energie setzen.

Was würde dies für Steuerzahler und Stromkunden bedeuten?

In jedem Fall wird es teurer. Denn zu heutigen Strompreisen sind die erneuerbaren Energien nicht zu betreiben, entsprechend hoch werden sie derzeit subventioniert. Seit 2000 haben deutsche Stromkunden bereits 110 Milliarden Euro an (Ökostrom-)Umlagen gezahlt. Zwar werden auch die Preise für Solaranlagen, Windparks und Biogasanlagen weiter sinken, dennoch müssen sich die industriellen wie privaten Stromkunden auf steigende Preise einstellen. Der Industrieverband BDI warnte bereits vor überzogenen Ansprüchen. "Ehrgeizige Klimapolitik darf für Unternehmen kein Wettbewerbsnachteil sein", sagte BDI-Präsident Ulrich Grillo.

Was ändert sich im Verkehr?

Das Transportwesen trägt zwar nur mit 15 Prozent zu den globalen Emissionen bei, gleichwohl ist hier durch (echte) Spritspartechnik und neue Antriebe noch viel zu holen. Doch die deutschen Premiumhersteller haben sich erfolgreich gegen tiefe CO2-Grenzwerte gewehrt. Von Merkels Ziel, in Deutschland eine Million Elektroautos bis 2020 fahren zu lassen, ist man ohnehin noch weit entfernt. Bislang sind 20.000 Elektroautos unterwegs. Laut Verkehrsclub Deutschland könnten jährlich 7,5 Millionen Tonnen CO2 gespart werden, wenn ein Drittel der mit dem Auto gefahrenen Strecken unter sechs Kilometern per Rad bewältigt würden. Immerhin.

Quelle: RP
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