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Knallbunter Zynismus: Neues von St. Vincent

Pop Mit der New Yorker Musikerin Annie Clark, die sich den Künstlernamen St. Vincent gegeben hat, ist es so eine Sache. Man würde sie so gerne liebhaben, aber sie lässt keine Umarmung zu. Das Distanzierte, der doppelte Boden und die Zweideutigkeit sind Teil ihrer Kunst. Das erschwert die Zuneigung mitunter. Soeben ist das fünfte Album der 35-Jährigen erschienen, es heißt "Masseduction". Produziert wurde es von Jack Antonoff, der zuletzt auch Taylor Swift und Lorde unterstützte und - Achtung: unnützes Wissen aus den Bunten Blättern - der Freund von Filmemacherin Lena Dunham ("Girls") ist.

Es gibt auf diesem Album irritierend bunte Stücke mit programmierten Uptempo-Beats wie das stark nach Goldfrapp klingende "Sugarboy". Es gibt auch süßliche Disconummern wie "Savior". Aber man darf die Arrangements dieser Songs nicht missverstehen; St. Vincent durchwirkt die Texte nämlich meist mit Bitternis und Zynismus. Es geht um die Frau als Objekt männlicher Blicke. Es geht um Abschied und Einsamkeit. "Everyone you love will go away", singt St.

Vincent. Es wurde viel darüber spekuliert, ob "Masseduction" eine Trennungsplatte sei, ob St. Vincent darauf ihre unter Anteilnahme der Klatschpresse beendeten Beziehungen zum Model Cara Delevingne und der Schauspielerin Kristen Stewart verarbeite. Man findet indes keine direkten Hinweise darauf, und solche Unmittelbarkeit wäre der an David Bowie und Nick Cave geschulten Künstlerin ohnehin zu platt. Ihr gelingt es, allgemeingültige Lieder wie die wunderbare Piano-Ballade "New York" zu schreiben, die davon berichten, wie es ist, schutzlos dazustehen: "New York isn't New York without you love".

Das sind Lieder, die sich mit Knallfarben tarnen, deren Grellheit zugleich Warnsignal ist. Die Dornen spürt man erst spät. So ist "Masseducation" weniger eine Platte fürs Herz als vielmehr eine intellektuelle Herausforderung. Irritation statt Umarmung. St. Vincent gehört wie Kate Bush und Björk zur seltenen und schützenswerten Spezies von Performerinnen, die man als Gesamtkunstwerk bezeichnet. Man muss zweimal hinsehen, um sie hören zu können.

Philipp Holstein

Quelle: RP
 
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