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Kleve
Kunst aus 500 Jahren

Kleve. Die Gartenarchitekten Rose und Gustav Wörner sammelten Kunstwerke aus allen Epochen. Kleve zeigt nun ihre bedeutende Sammlung. Von Matthias Grass

Nachdenklich wirkt der hagere Prophet auf seinem kleinen Sockel. In sich gekehrt hat er die Hände gefaltet, das Gewand fällt weit über die dünnen Arme herunter. Schmal, fast wie ein Schattenriss jenseits all irdischer Versuchung, steht er da. Gerade einmal 23 Zentimeter hoch ist er - und doch so präsent. Emil Nolde schuf den weisen Mann im Kriegsjahr 1914, als nehme die kleine Figur all die Entbehrungen der folgenden Jahre vorweg. Gleich neben dem Propheten liegen sich zwei Menschen innig in den Armen. Ein Abschied zwischen Mann und Frau, ein Abschied, der die beiden vielleicht für immer trennt. Auch diese Figur entstand am Beginn eines Weltenbrandes - kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, 1940/41, schuf Käthe Kollwitz diesen "Abschied" - so der Titel der kleinen Bronze-Skulptur.

Die kleinen Bronzen gehören zur Sammlung der Gartenarchitekten Rose und Gustav Wörner. Die beiden trugen über 5000 Werke zusammen, die 500 Jahre Kunstgeschichte präsentieren. Es sind farbenprächtige Aquarell-Blätter von Günther Uecker dabei, die der Maler von einer Island-Reise mitbrachte, es gibt schwungvolles Action-Painting von Karl Otto Goetz oder die zarten Farblandschaften von Gotthard Graupner. Daneben stehen die mit kantigem Strich geradezu ins Blatt gravierten Zeichnungen des spanischen Bildhauers Eduardo Chillida.

Ein kleiner Probe-Abzug von Dürers Schnitt Christus vor Hannas weist in die Renaissance und wunderbare Buchminiaturen und Initialen entführen in die Welt des Mittelalters. Dazu kommen romantische Rheinansichten, Gartenstiche von der Entwicklung barocker Parkkunst. Nicht zuletzt wanderten Vogel- und Pflanzenstiche aus dem 17. Jahrhundert in die Mappen der Sammler - wie der bunte Wiedehopf von Jacques de Save, der um 1770 entstand.

Gustav und Rose Wörner vermachten die Sammlung dem Freundeskreis der Klever Museen. Das städtische Museum Kurhaus und die Stiftung B.C. Koekkoek-Haus gewähren mit ihrer Ausstellung "Von Haltung und Leidenschaft. Werke aus 500 Jahren Kunstgeschichte" einen tiefen Blick in diese Sammlung. Im Koekkoek-Haus werden ab 7. November Rheinansichten und Gartenstiche sowie die Blätter mit den Vögeln zu sehen sein, Moderne und Mittelalter, Barock und die Kleinskultpur zeigt seit gestern das Museum Kurhaus.

1962 machte sich Rose Wörner in Wuppertal selbstständig. Das Büro sollte eingerichtet werden - Rose Wörner kaufte Druckgrafik, darunter einige Blätter des Bauhaus- Schülers Josef Albers. Bald kamen auch Bilder seines Lehrers Johannes Itten dazu. Rose und Gustav Wörner waren seit den 1970er Jahren gefragte Garten- Landschaftsarchitekten - sie restaurierten unter anderem die barocke Parkanlage in Kleve, schufen den Schlosspark in Moyland und den in Brühl, das Parkpflegewerk für den Großen Tiergarten in Berlin, den Treptower Park und den Schlosspark Bellevue und nicht zuletzt den Park von Schloss Benrath.

Gustav Wörner wurde bald zum Motor der Sammlung, die er erweiterte. Mit der Sammlung wuchs die Leidenschaft, die Freude an den Bildern. "Sammler gelten spätestens seit Goethe als weithin glückliche Menschen", sagt Kurhaus-Direktor Harald Kunde. Dabei gehörten die Garten- und Landschaftsarchitekten nicht zu jenen Sammlern, die finanziell aus dem Vollen schöpfen konnten. "Sie achteten auf Qualität und suchten die Blätter gezielt aus", sagt Kunde. Auch hatte ihr Reihenbungalow in Wuppertal nur bedingt Platz für große Kunst: Also sammelten sie kleine Bilder und Kleinplastik. Die Bilder und Blätter, die nicht gehängt wurden, kamen in Mappen, die Rose und Gustav Wörner, so oft es ging, herausholten, um mit ihren Gästen darüber zu debattierten, über die Entwicklung der Kunstgeschichte zu sinnieren oder Anekdoten über die einzelnen Blätter zu erzählen. Längst war die Sammlung mit ihren vielen Facetten regelrecht enzyklopädisch angelegt.

Umfassend wie die Sammlung ist auch die Ausstellung in den beiden Klever Museen aufgebaut: Kunde und Kuratorin Valentina Vlasic laden zu einem Gang durch 500 Jahre Kunstgeschichte ein, jede Epoche hat ihren Saal.

Beginnend im Mittelalter, wo auf großer Wand das kleine Dürer-Blatt zusammen mit Hans Schäuffeleins Holzschnitt von der Verkündung Mariens und Hans Baldungs Grablegung Christi ein "Mittelalter-Triptychon" (so Kunde) bildet. In enger Sammler-Hängung erzählen Pergamente von der Buchkunst des 15. und 16. Jahrhunderts. In die Pracht des Barock führen die zarten und doch so vollen Zeichnungen, Drucke und Stiche aus dem 17. Jahrhundert. In der großen Wandelhalle folgt dann die Bandbreite der Nachkriegsmoderne, in der Galerie die Kleinplastik.

Als Gustav Wörner 1997 starb, holte Rose Wörner die Bronze "Abschied" von Käthe Kollwitz mit ans Sterbebett ihres Mannes. Nach seinem Tod hörte sie auf, Kunst zu sammeln. Rose Wörner starb 2015.

Info "Die Sammlungs Wörner. Von Haltung und Leidenschaft. Werke aus 500 Jahren Kunstgeschichte." Museum Kurhaus Kleve, Tiergartenstraße 41 (Di bis So 11 bis 17 Uhr), bis 29. Januar. B.C. Koekkoek-Haus, Koekkoekplatz 1 (Di bis Sa 14 bis 17 Uhr, So 11 bis 17 Uhr) 7. November bis 29. Januar.

Quelle: RP
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