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Paris
Kunsttrip nach Paris

Paris. Dank der schnellen Zugverbindungen kann man die sehenswerte Ausstellung von Anselm Kiefer im Centre Pompidou an einem Tag erleben. Von Annette Bosetti

Wir sind gut bedient im Rheinland mit unseren Museen. Doch manchmal steht einem der Sinn nicht nach Hausmannskost, sondern nach einer Metropole wie Paris. Alles ist anders, wuchtiger, eleganter, größer und charmanter. Wer sich aufmacht zu einem solchen Kunsttrip, ist gut beraten, zu zweit oder in kleiner Gruppe loszuziehen. Schließlich will das, was man erlebt, ausführlich besprochen werden.

Die Retrospektive des deutschen Mythen- und Monumentalmalers Anselm Kiefer in Paris ist jedenfalls einen Kurztrip wert. Gut kann man von Düsseldorf aus die Spritztour ins Ausland - nach Paris sind's etwa 500 km - sogar an einem Tag absolvieren. Dank der perfekten Bahnverbindung. Mit dem sehr früh am Morgen startenden Thalys braucht man nur knapp vier Stunden für die Strecke nach Paris und hat dort fast sieben Stunden Aufenthalt bis zur Rückfahrt.

"Anselm Kiefer" zeigt aktuell das Centre Pompidou. Seit fünf Jahrzehnten malt der global operierende Kunstmarktlieferant monumentale Bilder - oft fasst er jüngere Geschichte an und zusammen. Ulrike Meinhof, Deutschlands berüchtigte Terroristin und 1970 Mitbegründerin der "Rote Armee Fraktion", ist in einer Installation von Pilzen umgeben, die die Namen von deutschsprachigen Dichtern und Denkern tragen. Die Namen von Novalis, Eichendorff, Brentano stehen krakelig in den Rinnen der verschneiten Waldlandschaft - als zynische Randbemerkung zu lesen.

Der Titel des Werkes lehnt sich an das gleichnamige Buch der Schriftstellerin Germaine de Staël an: "De l'Allemagne". Daran hatte die Französin Anfang des 19. Jahrhunderts ein Land beschrieben, das sie wegen seiner Dichter und Denker bewunderte, aufgrund seiner Bevölkerung jedoch verachtete, die sie mehrheitlich als vulgär und brutal beschrieb.

Deutschland also als das Land der Barbaren und der Romantiker? "Ich versuche die Nebengleise zu zeigen, die andere Seite des Landes der Romantiker", hat sich Anselm Kiefer anlässlich der Eröffnung vernehmen lassen. Deutschland sei gefährlich, eine "verspätete Nation". Kiefers Installation kann man als Quintessenz seines Denkens und Schaffens lesen, weil er in den Bildern aus Asche, Blei, Ton und Stroh deutsche Geschichte und deutsche Poetik verarbeitet.

Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und führt über Kiefers ehemals umstrittene Serie der "Heroischen Sinnbilder" aus den 1970er-Jahren - das waren Selbstporträts mit Hitlergruß - über seine Monumentalwerke "Osiris und Isis", "Die große Fracht" und "Lilith" hin zu 40 Installationen hinter Glasvitrinen mit vergoldeten Ähren und verbleiten Büchern. Auch Bücher gibt es von ihm, dem Büchernarr, der weltweiten Ruf, aber in Deutschland seltsamerweise am wenigsten Sympathien genießt.

Das Echo auf sein Werk und auch auf seine Person ist hierzulande seltsam gespalten. "Deutschlands missverstandener Meister" nennt ihn gerade wieder das "art"-Magazin.

Dabei sind seine Deutschland-Bezüge stark. Schon im Frühwerk beginnt Kiefer sich mit den Abgründen deutscher Geschichte zu befassen. Er hat sich als einer der ersten offensiv und bildlich mit der verheerenden nationalsozialistischen Vergangenheit seiner Heimat auseinandergesetzt. Angetan mit der Wehrmachtsuniform seines Vaters, reiste er in den 1960er Jahren als junger Mann durch die ehemals besetzten Länder. Er fotografierte sich selbst beim Ausführen des Hitlergrußes und machte ein Bild daraus. diese Fotos sind leider nicht ausgestellt, aber die daraus entstandenen Aquarelle.

60 Gemälde zeigt das Centre Pompidou auf 2000 Quadratmetern, dazu Fundstücke in Vitrinen und mehrere Installationen, darunter eine gigantische abstrakte, aber begehbare Arbeit aus Schiffscontainern. Dies alles zeugt von der Meisterschaft des 70-Jährigen, der mit dem Praemium Imperiale und dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.

Nach hoher Anerkennung in London zeigen sich nun die Pariser von der Retrospektive überwältigt, "tiefernst sei das Werk, voll von esoterischem Symbolismus und politischen Bezügen", heißt es in den Feuilletons. Wagner, Celan, Mystik und Kabbala schwingen mit in einer Ausstellung, die am Ende sinnlich überwältigend ist.

Quelle: RP
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