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Pflegeserie
Leben im Nebel

Düsseldorf. In der Gerontopsychiatrie landet, wer unter schwerer Demenz und teils auch anderen psychischen Krankheiten leidet. Ein Besuch. Von Tim Harpers

Schwester Hellbach* ist am Ende ihrer Kräfte. Sie wirkt ausgelaugt, ermattet und desillusioniert. Während sie in den Stuhl sinkt, blickt sie ins Leere. Dunkle Ringe und ein glasiger Blick sind Zeugnisse dessen, was sie in den vergangenen Stunden erlebt und geleistet hat. Furchen auf Stirn und Wangen zeugen von einem aufreibenden Alltag. Es ist ein ernstes, gezeichnetes Gesicht für eine Endvierzigerin, aus dem man Humor lesen kann. Lachfältchen um die Mundpartie zeigen, dass Schwester Hellbach auch anders kann, fröhlich und unbeschwert. Sie ist eine Frau, die ihren Beruf normalerweise mit großer Freude ausübt. Aber mittlerweile fällt sie nach der Schicht immer häufiger in ein seelisches Loch.

Der Stuhl, in den die Pflegerin gesunken ist, steht im Schwesternzimmer der gerontopsychiatrischen Abteilung eines Seniorenzentrums im Ruhrgebiet. Die Gerontopsychiatrie ist, stark vereinfacht ausgedrückt, eine Abteilung für besonders schwere Pflegefälle. Hier landen alle, für die wegen der Schwere ihrer Demenz - mitunter in Verbindung mit anderen psychischen Erkrankungen - eine dauerhafte stationäre Beaufsichtigung nötig wird.

Der Frühdienst beginnt um sechs Uhr. Zwischen brodelnden Kaffeekochern und stapelweise Zellulosepapier lässt sich die Früh- von der Nachtschicht einweisen. Die Vorzeichen sind ungünstig: Zwei von sechs Pflegern haben sich krankgemeldet. Bleiben noch vier für über 30 Patienten. Wirklich überrascht wirkt aber keiner der Anwesenden. Im Gegenteil: "Also alles wie immer", sagt Schwester Hellbach nur und lächelt. Ihre Tonlage bewegt sich zwischen Ironie und Resignation. Kurzfristige Krankmeldungen sind in ihrem Haus eher die Regel als die Ausnahme. Ihrem Arbeitgeber fehlt es wie vielen in der Branche an Personal. Die Schichtpläne werden mit Hilfskräften und Praktikanten aufgefüllt. Der Krankenstand ist hoch. Der Pflegeschlüssel sieht siebeneinhalb Minuten Morgenpflege pro Bewohner vor. In dieser Zeit müssen sie geweckt, gewaschen, zur Toilette gebracht und angezogen werden - nach Meinung der Pflegerinnen ist das selbst in Bestbesetzung nicht zu schaffen.

Gegen halb sieben beginnen die Betreuer mit ihrer Arbeit. Schwester Hellbach betritt das Zimmer von Frau Meierle. Die ist 93 Jahre alt, schwer dement und schon seit zwei Stunden wach. "Guten Morgen", ruft die Pflegerin beim Hereinkommen - laut, denn die alte Dame hört nicht mehr so gut. Die zerbrechliche Frau, die angezogen auf ihrem Bett sitzt, schweigt. Hellbach runzelt die Stirn. Die Seniorin trägt drei Paar Socken, darüber eine beigefarbene Hose und einen knöchellangen Rock mit Blumenprint. Ihr Oberkörper ist in eine Bluse, zwei bunte Wollpullover und einen grauen Mantel gewickelt. Die Haare stehen ihr vom Kopf ab. Der restliche Inhalt ihres Kleiderschranks liegt auf dem Boden verteilt. "Ich wollte jetzt los in den Stall", sagt sie unvermittelt. "Die Tiere warten." Die Schwester lächelt verständnisvoll. Dann schüttelt sie den Kopf und murmelt: "Und das soll ich in sieben Minuten schaffen?"

Als die alte Dame genau 16 Minuten später mit allem versorgt und um einige Kilogramm Kleidung leichter ist, ertönt im Nachbarzimmer ein dumpfer Knall. "Raus! Verschwinden Sie!", schallt es in den Flur. Eine etwas irritiert dreinblickende Schwester kommt mit eingezogenem Kopf in den Raum gestürmt. "Hilfst du mir mal eben?", fragt sie. Herr Bauer sei wieder einmal etwas schwierig. Die beiden Pflegerinnen öffnen vorsichtig die Tür zum Nachbarzimmer. Wieder knallt es. "Das war jetzt der zweite Schuh", sagt Hellbachs Kollegin. "Ich glaube, wir können."

Nach kurzer Zeit ist Herr Bauer beruhigt. Der Grund für die Schuh-Attacke bleibt unklar. Der alte Mann ist schwer dement und wähnt sich den größten Teil seiner Zeit im Nachkriegsdeutschland der 50er Jahre. Sein Frauenbild gepaart mit einer demenzbedingten Störung seines Sexualtriebes ergibt eine explosive Mischung. Damit es nicht zu Übergriffen kommt, versuchen ihn die Pflegerinnen - wenn möglich - zu zweit zu betreuen.

Nach jeweils sieben bis acht ähnlich schwierigen Bewohnern und mehr als zwei Stunden später sitzt die Frühschicht wieder erschöpft im Schwesternzimmer zusammen. Die Älteren reiben sich die Knochen. Jede Pflegerin hat in den vergangenen Stunden mindestens 600 Kilogramm Lebendgewicht bewegt. Die Frauen sind befreundet. Im Pausengespräch geht es um die Arbeit.

Die Geschichten der Pflegerinnen klingen skurril, sind für die Abteilung aber angeblich nicht ungewöhnlich. Schwester Hellbach berichtet von einer Patientin, die beim Mittagessen mit großer Freude regelmäßig ihre Zahnprothesen in den Gläsern ihrer Sitznachbarin versenkt. Und eine jüngere Kollegin erinnert sich an eine Dame, die ihr großes Geschäft über Jahre in einen Mülleimer auf dem Flur verrichtete. Die Erzählungen der Frauen vermitteln ein Gefühl dafür, wie es sich anfühlen muss, die Kontrolle zu verlieren, sich selbst und jegliche Form gesellschaftlicher Konvention zu vergessen. Sie erzählen aber auch von großer Opferbereitschaft und Hingabe. Sie machen deutlich, dass man vor dem Kontrollverlust nur bedingt Angst haben muss, da es Menschen gibt, die sich selbst dann noch aufopferungsvoll um einen bemühen, wenn man sich selbst nicht mehr helfen kann.

Am schönsten sei es, sagt Schwester Hellbach in die Runde, wenn die Bewohner tatsächlich glücklich sind. "Wenn sie mit dir lachen. Und wenn sie dir dankbar in die Augen schauen." Die Unterhaltung macht deutlich, dass die vier Pflegerinnen ihren Job zwar lieben, die Zukunft ihres Berufsstandes aber mit Sorge betrachten.

Es gibt anscheinend immer weniger Pfleger, die so denken wie sie. Viele kämen nur noch, weil sie nichts Besseres finden. Als Grund dafür haben die Frauen die schlechten Arbeitsbedingungen ausgemacht: wenig Geld, eine hohe körperliche Belastung und lange Tage - für die vier Schwestern der Normalzustand. In ihrem Gespräch schwingt deshalb auch die Angst davor mit, dass unter diesen Voraussetzungen in Zukunft niemand mehr da sein wird, der ihren Beruf mit der notwendigen Überzeugung ausüben will. "Die Überzeugungstäterinnen sterben aus", sagt Hellbach. "Das muss man einfach mal so sagen."

Nach der Pause folgen noch sechs weitere Stunden Schwerstarbeit. Kurz vor Feierabend lässt sich Schwester Hellbach in ihren Stuhl fallen. Sie ist am Ende ihrer Kräfte, ihr Gesicht eingefallen, der Blick leer.

Doch schon am nächsten Tag wird sie wieder um sechs Uhr im Schwesternzimmer sitzen. Denn einfach krankzufeiern, kommt für sie nicht infrage. "Diese Leute brauchen unsere Hilfe", sagt sie. "Ich muss kommen. Sonst will es ja keiner machen."

* Alle Namen wurden aus Rücksicht auf Pfleger und Patienten geändert.

Quelle: RP
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