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Klassik
Legendäre Platte: Glenn Gould in Moskau

Eine der klügsten Musikkritiken, die je über Glenn Gould geschrieben wurden, war 1957 in der "Prawda" zu lesen. "Seine seltene Virtuosität und sein Klangspektrum, das von ätherischer Zartheit bis zu ungewöhnlicher, aber nie grober Kraft reicht, sind vollständig seiner kreativen Vorstellung untergeordnet." Das war die Wahrheit. Moskau war aus dem Häuschen über das Spiel des kanadischen Pianisten; Kollegen wie Swjatoslaw Richter saßen im Saal, hatten Tränen in den Augen oder schrien sich die Kehle wund vor Begeisterung.

Interessant ist, dass die "Prawda" ausschließlich über Goulds Aufführung von Bachs "Goldberg-Variationen" schrieb. Dass er auch Bergs Klaviersonate op. 1 gespielt hatte, die Variationen von Webern sowie Kreneks 3. Klaviersonate, blieb unerwähnt. Staatlicher Bann nannte Musik der Zweiten Wiener Schule "formalistisch". So kam es, dass die Zuhörer am 12. Mai 1957 im Saal des Moskauer Konservatoriums mit einem Ohr im Gefängnis saßen - diese Musik durften sie unter Strafe nicht hören.

Und dann sagte Gould im Konzert über die Webern-Variationen: "Übrigens muss ich Sie bitten, mein Spiel zu entschuldigen. Ich habe dieses Stück seit zwei Jahren nicht mehr geübt." Dass er es perfekt beherrschte, können wir jetzt auf dem legendären Mitschnitt nachprüfen, der in neuer Digitalisierung beim Label Urania (bei Klassik Center Kassel) vorliegt. Vor allem die Berg-Sonate hat Gould nie wieder so ergreifend, so flammend bewegt, so überrumpelnd offensiv gespielt wie damals.

Nach der Pause trug das Konsequenzen bei Musik von Bach, auf die mancher im Saal sich klammheimlich gefreut hatte. Die Freude wich neuerlicher Atemlosigkeit. In drei Sätzen aus der "Kunst der Fuge" wurden die Fugenthemen zu Elementarteilchen, die sich der formenden Magie eines Virtuosen beugten, aber nie verschwanden. Goulds Witz war an diesem Abend derart infernalisch, dass er im Contrapunctus 4 ein Tempo riskierte, das zunächst an offenen Nonsens grenzte, aber die thematischen Verläufe wundervoll transparent hielt.

Dass auch Goulds Abend in Leningrad (mit Beethovens 2. Klavierkonzert) mitgeliefert ist, ist famos. w.g.

Quelle: RP
 
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