| 07.08 Uhr

Bundeskunsthalle
Lustwandeln über Bonner Dächer

Bonn. Die Bonner Bundeskunsthalle würdigt den Gartenarchitekten Hermann Fürst von Pückler-Muskau - unter anderem mit einem Dachgarten. Von Nicole Scharfetter

Es ist diese eine kleine Nachricht, die Agnieszka Lulinska besonders berührt hat. Drei kurze Worte, aufgeschrieben von Lucie Reichsgräfin von Pappenheim 1845, als die Standesherrschaft Muskau in den Besitz des Prinzen Friedrich der Niederlande überging: "Mus wau verkauft!" Für Lulinska ein herzzerreißender Schlusspunkt unter einem Lebenstraum, den Lucie und ihr (Ex-)Mann Hermann Fürst von Pückler-Muskau fast 30 Jahre lang gemeinsam träumten, für den das Paar sich finanziell beinahe ruinierte und für den Lucie und vor allem Hermann in die Geschichte der Gartenkunst eingehen sollten.

Diese Geschichte wird derzeit in der Bonner Kunsthalle erzählt, die Ausstellung "Parkomanie - Die Gartenlandschaften des Fürsten Pückler" ist bis Mitte September zu sehen. Empfangen werden die Besucher in einer Art Atrium, auf dessen gebogener Wand ein Film projiziert wird. Es sind Aufnahmen einer Drohne, die über Wiesen und Flüsse, Schlösser und Blumenbeete hinwegfliegt. Ein bisschen hat man das Gefühl, als sei man ein Vogel, als würde man gleich selbst mit den Flügeln schlagen und über die Gärten des Fürsten gleiten. Ein schöner Willkommensgruß, der gleich Lust auf mehr Parkomanie macht.

"Kunst ist das Höchste und Edelste im Leben, denn es ist Schaffen zum Nutzen der Menschheit. Nach Kräften habe ich dies mein Leben hindurch im Reiche der Natur geübt." Eines von vielen Zitaten des Fürsten, das auf eine Wand im Museum gedruckt wurde. Und gleichzeitig ist es ein ganz besonderes, weil es den Fürsten nicht besser beschreiben könnte, den "tollen Pückler", Frauenheld und Draufgänger, der in der Parkgestaltung aufging und für den die Gestaltung eines Parks niemals zu Ende war. "Weil man die Natur nicht zu Ende bringen kann. Er hat vielmehr Grundlagen geschaffen, aus dem Nichts sind blühende Oasen entstanden", sagt Kuratorin Agnieszka Lulinska, die nach den Regeln Pücklers einen Garten auf dem Dach des Bonner Kunstmuseums anlegen ließ.

"Eine Herausforderung", sagt Lulinska. Die Witterungsbedingungen seien in zehn Meter Höhe anders als auf dem Boden, "plötzlich sprossen die Tulpen, und dann waren sie wieder kurz vor dem Erfrieren." Der Dachgarten ist keine Kopie, keine Miniaturanlage von Muskau oder Babelsberg oder Branitz. "Wir haben versucht, eine Art Pleasureground zu schaffen", sagt Agnieszka Lulinska, "die Verlängerung des Wohnzimmers, ein Salon unter freiem Himmel." Besonders gefallen hätte Pückler vermutlich die Aussicht auf den Venusberg - "er war eben gern in Gesellschaft schöner Frauen", sagt Lulinska.

Geboren wird Hermann Ludwig Heinrich Fürst von Pückler-Muskau am 30. Oktober 1785 auf Schloss Muskau im sächsischen Markgraftum Oberlausitz. Er studiert Jura in Leipzig, hört aber nach nicht einmal einem Jahr wieder damit auf. Pückler liebt es zu reisen, er fährt in die Schweiz, nach Frankreich und Italien. Als sein Vater stirbt, wird Hermann mit 26 Jahren Standesherr von Muskau und Erbherr von Branitz. Ihm kommen erste Ideen zur Umgestaltung der Landschaften. Bevor er aber Pläne schmiedet, fährt er für ein Jahr nach England. Er sucht dort Inspiration in der Landschaftsgärtnerei. Sein "Aufruf an die Bewohner Muskaus" aus dem Jahr 1815 birgt das Versprechen einer besseren Zukunft durch Landesverschönerung - im Museum dokumentiert mit Skizzen und Zeichnungen. Aus dem Lebemann Hermann Fürst von Pückler wird ein leidenschaftlicher Gärtner. Er lernt die zehn Jahre ältere Lucie Reichsgräfin von Pappenheim und Tochter des späteren preußischen Staatskanzlers Karl August von Hardenberg kennen.

Lucie ist selbstbewusst und gebildet, teilt Pücklers Gartenleidenschaft und begegnet ihm auf Augenhöhe. Sie ist die Frau, die Pückler liebt und die ihn immer unterstützen wird. Selbst nach der Scheidung nimmt Lucie aktiv Einfluss auf die Gestaltung der Parkanlagen in Muskau und Branitz. Das Paar trennt sich einvernehmlich - Hermann soll ein zweites Mal nach England reisen und Ausschau nach einer reichen Braut halten, um das kostspielige Muskauer Projekt weiterhin finanzieren zu können. Eine Frau findet der Fürst nicht, dafür wird er als Schriftsteller gefeiert. Täglich schreibt er Briefe an seine Lucie, 1832 erscheinen die "Briefe eines Verstorbenen", die über Nacht zum Bestseller werden. Damit ist Muskau gerettet. Vorerst.

Seine Visionen hält der Fürst im gartentheoretischen Buch "Andeutungen über Landschaftsgärtnerei, verbunden mit der Beschreibung ihrer praktischen Anwendung in Muskau" fest. Viele seiner Visionen allerdings bleiben Produkte seiner Fantasie, allenfalls Zeichnungen, wie der Umbau des Muskauer Schlossensembles, für den Pückler den Architekten Karl Friedrich Schinkel beauftragte und dessen verschiedene Vorschläge in der Kunsthalle ausgestellt sind.

Zwischen diesen Skizzen hängen Öl-Porträts des Fürsten und seiner Lucie, bewegte Gartenpläne laden dazu ein, die Struktur von Pücklers Gärten aus der Vogelperspektive zu erfassen. Die Präsentationen finden auf ebenerdigen Groß-Monitoren statt. Historische Aquarelle und Fotos wurden so aufbereitet, dass sie einen dreidimensionalen Effekt haben, wenn man durch ein Gucki schaut. In jedem der drei Parks (Muskau, Branitz, Babelsberg) wurden Zeitrafferaufnahmen zu verschiedenen Jahreszeiten gemacht, um dem Zuschauer zu zeigen, wie der Charakter der Natur sich verändert.

Bei der Gestaltung seiner Parks setzt Hermann Fürst von Pückler-Muskau auf die Pücklersche Gartengrammatik, im Mittelpunkt stehen stets die Gehölze. Zu seinem Markenzeichen wird die Verpflanzmaschine, mit der er Großbäume umsetzt. Sogar eine Baumuniversität gründet der gärtnernde Standesherr, wo er Bäume mit fortgeschrittener Größe auf eine Umsiedlung in den Park vorbereitet. Diese Anzuchtarbeit wird auf dem Dach des Bonner Kunstmuseums gewürdigt. Aus Muskau und Branitz wurden Baumarten mit identischen Genen nach Bonn gebracht und mit Kränen auf das Dach gehievt.

Daneben sind Tulpenbeete in Tortenform und Rosenrondelle angelegt, und aus Spanien wurden Zitronenbäumchen importiert. Die Früchte sind so prall, dass es schwerfällt, nicht heimlich eine zu pflücken. Ausnahmsweise sollte man bei der Planung des Museumsbesuchs den Wetterbericht im Auge behalten - auf dem Dach lässt es sich nämlich eine ganze Weile aushalten.

Quelle: RP
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