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Stockholm
Medizin-Nobelpreis: Wie die Recycling-Fabrik unserer Zellen funktioniert

Stockholm: Medizin-Nobelpreis: Wie die Recycling-Fabrik unserer Zellen funktioniert
FOTO: afp
Stockholm. Die Auszeichnung mit dem Nobelpreis für Medizin hat Yoshinori Ohsumi in seinem Lebensmotto bestätigt. "Ich habe immer die Sachen gemacht, die andere nicht machen wollten", erzählt der 71-jährige Japaner freimütig, "so hat eigentlich alles begonnen." Angefangen hat seine Forschung in den 1990er Jahren. Damals wurde Ohsumi als Assistenz-Professor an die Uni von Tokio berufen und suchte nach einem neuen Wissenschaftsgebiet. Seine Karriere als Forscher war ins Stocken geraten. "Ich war 43 Jahre alt und nicht besonders erfolgreich", erinnert er sich. Von Rainer Kurlemann

Dann entschied er sich für ein Außenseiterthema: Autophagie. Das Wort setzt sich aus den griechischen Wörtern auto (selbst) und phagein (essen) zusammen und bedeutet wörtlich "Selbstfressen". Dieser Prozess passiert in jeder Zelle, sei es in Pflanzen, Tieren oder beim Menschen. Man kann Autophagie mit dem modernen Recycling vergleichen. Während der Lebensdauer einer Zelle fallen viele Proteine an, die die Zelle später nicht mehr benötigt. Für diesen Müll haben Zellen einen Mechanismus entwickelt, mit dem sie die Proteine zerlegen und aus den einzelnen Bausteinen neue Proteine bauen können.

Als Ohsumi mit seiner Forschung begann, war das Phänomen der Autophagie länger bekannt. Der belgische Mediziner Christian de Duve hatte 1976 für die Entdeckung der Lysomen den Nobelpreis bekommen. In diesen Bläschen im Inneren einer Zelle werden die überflüssig gewordenen Proteine abgebaut. Doch für die Details, wie diese Recycling-Fabrik funktioniert, dafür hatte sich noch niemand interessiert. Der Japaner entschied sich damals für die Forschung an Bäckerhefe, weil er damit schon einige Erfahrung hatte und sie sich außerdem gut unter dem Mikroskop beobachten ließ. Die Nobelpreisjury würdigte ausdrücklich das besondere experimentelle Geschick des Japaners. Ohsumi habe gute Ideen entwickelt, um Autophagie sichtbar zu machen. Schließlich identifizierte der Japaner die Gene und konnte den Mechanismus aufklären.

Die Arbeit des Nobelpreisträgers zählt zur Grundlagenforschung. Aber mittlerweile ist klar, dass Autophagie einer der entscheidenden Prozesse für das Überleben einer Zelle ist. Kommt es dabei zu Störungen, erkranken die Zellen und mit ihnen ihr Träger. Krankheiten wie Typ2-Diabetes, Parkinson und andere Erscheinungen des Alterns habe ihre Ursache teilweise darin, dass das zellinterne Recycling nicht mehr funktioniert. Die Mediziner hoffen, dass sie irgendwann ein Medikament finden, das die Basisfunktion der Zellen wiederherstellen kann. Ohsumis Strategie als Einzelgänger wurde auch vom Nobelkomitee gewürdigt. Er muss sich den Preis mit niemandem teilen. Das gab es in der vergangenen 20 Jahren nur dreimal.

Quelle: RP
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