| 07.39 Uhr

Die große Freiheit Nr.1
Mit Bota und Bussi durchs wilde Spanien

Bilbao. Schon mit 19 verwirklichten wir uns einen Traum - mit dem VW-Bus durch die Landschaften Nordspaniens. Von Martin Kessler

Die große Freiheit war für uns ein VW-Bus. Mit Doppelvergaser und 1600 Kubikzentimeter Hubraum. Zu sechst wollten wir in die Ferne schweifen - auf einem fahrbaren Untersatz. Da kam natürlich nur ein VW-Bus infrage. Wir - vier Jungs und zwei Mädchen, unter anderem meine Schwester Mechthild - waren damals zwischen 18 und 19 Jahre alt und ganz schön anspruchsvoll. Der Bus sollte geräumig sein, ein paar PS haben, weil wir in die Berge wollten, und möglichst wenig verbrauchen. Denn wir hatten kaum Geld, und die Spritpreise zogen gerade mal wieder mächtig an.

Wir bekamen tatsächlich ein Gefährt für 5000 Mark pünktlich zum Beginn unseres Urlaubs Mitte Juli 1979. Und dann ging es sofort los. Schließlich lag eine große Reise vor uns - von meiner alten Heimatstadt Karlsruhe über Frankreich nach Nordspanien bis in die 2600 Meter hohen Picos de Europa. Eine Fahrstrecke von fast 5000 Kilometern. Und die Verheißung, in Spanien alle jene Freunde und Freundinnen zu treffen, die wir vor einem Jahr beim internationalen Jugendtreffen der Taizè-Gemeinschaft in Frankreich kennengelernt hatten.

Pech nur, dass "Bussi", wie wir unser Gefährt tauften, erst einmal streikte. Die Antriebswelle war defekt. Und so befanden wir uns nicht auf der Autobahn nach Südfrankreich, sondern bei VW Gramlich in Karlsruhe, wo sechs Abiturienten die Mechaniker bedrängten, unseren VW-Bus so schnell wie möglich wieder fahrtüchtig zu machen. Die spotteten über die mangelnden praktischen Fertigkeiten der akademischen Jugend ("Des hawwet er net glernt"), hatten aber doch mit uns Technik-Banausen Erbarmen und reparierten "Bussi".

Um drei Uhr morgens ging es los, und 1200 Kilometer weiter erreichten wir in der Nacht schon die Südwestecke Frankreichs, irgendein Dorf zwischen Bordeaux und Toulouse. Und weit und breit kein Campingplatz, den wir auch gar nicht anstrebten. Wir wollten immer wild campen - vom ersten Tag an. Schließlich sahen wir eine kleine Einfahrt und einen scheinbar verlassenen Garten mit Bach - der ideale Ort für eine Übernachtung im Freien. Also ab in die Schlafsäcke auf unsere Iso-Matten.

Was wir in der Dunkelheit nicht sahen, war das große Wohnhaus, zu dem der Garten gehörte. Erst am anderen Morgen wurde uns klar, dass wir auf einem bewohnten Privatgrundstück übernachtet hatten. Doch die Familie, die dort wohnte, kam nicht mit der Polizei, sondern mit Kaffee und Croissants auf uns zu. Vielleicht half, dass fast alle einigermaßen Französisch sprachen. Es wurde auf jeden Fall ein völkerverbindendes Frühstück, und wir setzten wohlgemut unsere Reise über die Pyrenäen, den Pass von Roncesvalles bis nach Pamplona fort.

Dort gerieten wir inmitten des Stiertreibens von Sanfermines. Von der Feststimmung waren wir restlos begeistert, so etwas hatten wir auf den einschlägigen Stadtfesten von Karlsruhe, Mannheim oder Schwäbisch-Gmünd, wo wir alle herkamen, noch nicht erlebt. Wir verliehen den Spaniern den Titel "Feier-Weltmeister" und schliefen weinbeseelt im Stadtpark - neben unzähligen anderen Jugendlichen. Das Stiertreiben am nächsten Morgen haben wir glatt verschlafen, aber die Stimmung am Vorabend in Pamplona hatte uns bereits für alles entschädigt.

Als Gruppe verständigt man sich schnell auf Riten, Sprüche und "eherne" Grundsätze. Einer war, alle Tramper, die nicht gerade wie Straßenräuber aussahen, mitzunehmen. Wir nannten das die "Tramper-Ethik". Sie mussten sich auf einer mit Styropor verkleideten Innenwand im VW-Bus verewigen. Besonders die schöne Arantxa hatte es mir angetan, schon wegen des baskischen Namens. Wir verabredeten uns mit ihr und ihrer Freundin im baskischen Badeort Lekeitio für den Abend. Wir waren da, unsere Tramperinnen nicht. Typisch spanisch (oder baskisch?) dachten wir. Unsere Frauen lachten uns teutonische Casanovas aus.

Vielleicht lag es aber auch an unserem Spanisch, das so richtig keiner von uns beherrschte. Meine Schwester meinte, sie könne das mit Langenscheidt beheben. So fragte sie - mit dem gelben Wörterbuch in der Hand - einen finster dreinschauenden baskischen Bauern: "Podemos ... campar ... aqui?" (Können wir hier campen?). Was er mit einem unmissverständlichen "No" beantwortete. Meine Schwester fragte uns noch, was "Warum denn nicht?" auf Spanisch heißt. Doch wir zogen sie wieder sanft in den Bus. Der Hund des Bauern knurrte schon bedenklich.

Trotzdem waren wir fasziniert vom Baskenland, von der grünen Hölle, den zerklüfteten Bergen und den wilden Stränden. Uns kamen die Menschen wie eine Mischung aus sturen Bayern und trinkfreudigen Iren vor - Dudelsack und Akkordeon inklusive. Den Zorn der Truppe zog ich mir zu, als ich gegen alle durchsetzte, dass wir nicht nur das wunderbare San Sebastián, sondern auch die hässliche Industriestadt Bilbao anschauen sollten. Ich hatte den Brecht-Song "Alter Bilbao-Mond, wo noch die Liebe wohnt" im Ohr und wollte diese Stadt unbedingt sehen. Doch es war nicht der morbide Charme einer Verbrecherspelunke, der uns dort erwartete, sondern Hochöfen, rußgeschwärzte Fassaden, Werften und eine Kloake als Fluss. Immerhin fanden wir ein Restaurant. Draußen an der Tür waren Graffiti der baskischen Terrorgruppe ETA, die wir als Empfehlung interpretierten. Die Empfehlung der Killer war gut. Die Liebe fanden wir in den benachbarten Hügeln der Stadt, wo wir wieder einmal wild campten. An fast jeder Wegkreuzung stand ein Kleinwagen - mit einem jungen Paar im Innern. Wir sechs Bussi-Touristen verhielten uns so diskret wie möglich.

Wir hatten kaum Geld (die ganze Reise kostete jeden 400 Mark), dafür jede Menge Zeit. Bei heutigen Urlauben ist es umgekehrt. Aber die Zeit haben wir genossen. Der Wein kam aus der Bota, einem Trinkbeutel aus Leder, den wir an jeder Weinhandlung für zwei Mark den Liter nachfüllten. Das reichte als Getränkegrundlage - neben dem an vielen Brunnen und Wasserspendern gezapften Trinkwasser. Das Leben kam damals noch völlig ohne Plastikflaschen aus.

Nach dem Baskenland ging es nach Asturien, die kantabrische Küste, zu unseren Bekannten Bernardo, Lola und Marita in Aviles bei Gijon. Die Spanier zeigten uns ihre "Großstadt" Gijon, wo drei Jahre später das Skandalspiel zwischen Deutschland und Österreich stattfand. Inzwischen fühlten wir uns im Gastland schon zuhause, wie ausgelassen feiernde Einheimische - liebenswürdig, aber laut. "Somos los amigos de Bernardo Dembinsky" brüllten wir in den Straßen. "Wir sind die Freunde von Bernardo Dembinsky. Jeder sollte es wissen, auch wenn uns der Freund liebevoll zu etwas Zurückhaltung mahnte.

Herrlich auch die Dialoge zwischen unserem Benedikt, der Lola (19) aus Asturien immer in breitestem Schwäbisch anredete und dafür ein Stakkato-Spanisch der Extraklasse als Antwort bekam. Die beiden verstanden sich prächtig...

Irgendwann war es Zeit, wieder umzukehren, spanische Meseta, Jakobsweg, Burgos, Zaragoza, Reifenpanne, billiger Reifen in Andorra und Heimreise über die Côte d'Azur inklusive kostenloser Übernachtung bei französischen Freunden meiner Eltern. Am Ende verkauften wir sogar Bussi - für 5000 Mark. Große Reisen müssen nicht teuer sein.

Quelle: RP
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