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Musik als Geste der Verwundbarkeit

Pop Es gibt wenige Künstler, die so radikal sind, die sich derart kraftvoll für das Neue einsetzen und auf unerforschtes Terrain vorzustoßen versuchen. Anohni heißt die 45 Jahre alte Engländerin, die unter dem Namen Antony & the Johnsons auftrat, als sie noch ein Mann war. Nun hat die Transgender-Künstlerin eine neue Platte veröffentlicht, "Paradise" heißt sie, und die Sammlung von sechs Stücken ist wie eine kleine Schwester des im vergangenen Jahr erschienenen, ebenfalls großartigen Albums "Hopelessness".

Anohni, deren Werk man allenfalls mit dem von Björk oder Kate Bush vergleichen kann, macht Protestmusik. Das ist politischer Pop, der indes den zweiten Blick erfordert. Anohnis Lieder sind Trojanische Pferde, sie klingen wie elektronische Discomusik, die Texte haben es aber in sich: Gewalt gegen Frauen, Überwachung, Todesstrafe, Krieg, Klimawandel und die Kälte des Patriarchats. Ihre Kunst ist extrem emotional, sehr körperlich, und das Weibliche steht in diesem Kosmos für die Zukunft; nur die Frauen sind in der Lage, die Welt zu retten.

Die Produzenten Daniel Lopatin, der als Oneohtrix Point Never bekannt wurde, und Hudson Mohawke arrangieren die Musik für Anohni. Auf "Paradise" entwerfen sie zunächst von giftigen Beats gefurchte Klanglandschaften, über denen der Gesang Anohnis schwebt. Das sind Lieder, die wie Gemälde wirken: der Engel der Erlösung als Symbol der Hoffnung inmitten all der Verheerung. Durch kleinste Verschiebungen in der Architektonik der durchaus clubtauglichen Songs bekommt das Album allmählich etwas Paradiesisches, das Ende spielt nicht mehr in der Wüstenei, sondern im Elysium: Es gibt einen Weg dorthin, man muss ihn nur finden.

"Paradise" ist der Versuch, ein gesellschaftlich relevantes Kunstwerk zu schaffen, eine klingende Diskussionsgrundlage. Anohni will ihre Hörer zu Aktivisten des Guten machen, und deshalb spendiert sie allen ein siebtes Lied, die an anohni@rebismusic.com schreiben und verraten, was ihnen im Leben am meisten bedeutet und was sie sich von der Zukunft erhoffen. Eine Geste der Verwundbarkeit, nennt Anohni das.

Eine Beschreibung, die sehr gut auch auf ihre Musik passt. Philipp Holstein

Quelle: RP
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