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Münster
Normandie in Münster

Münster. Im Picasso-Museum kann man in einer sehenswerten Schau erleben, wie geschickt sich die Impressionisten dem Geschmack des Publikums anpassten. Von Bertram Müller

Erst fanden die Leute solche Malerei fürchterlich, dann konnten sie nicht genug davon bekommen: Dem Impressionismus ist es ergangen wie vielen Neuerungen in den Künsten. Eine Ausstellung des Museums Pablo Picasso in Münster erzählt nun davon, wie sich die Kunst des Skizzenhaften mit Motiven aus der Normandie ein Publikum eroberte und damit zu einer der weltweit beliebtesten Richtungen der Malerei aufstieg.

Die rund 80 Werke stammen überwiegend aus der erstmals in Deutschland vorgestellten, in Caen ansässigen Sammlung "Peindre en Normandie", dazu aus französischen Museen. Unter einem Bogen von Claude Monet und Auguste Renoir bis zu Alfred Sisley und Berthe Morisot leuchtet eine Fülle von Namen auf, die hierzulande kaum jemand kennt und die zeigen, wie breit diese Bewegung angelegt war. Schließlich wollte ein rasch wachsender Markt bedient werden.

Hatten Kritiker den Malern des Impressionismus anfangs vorgeworfen, sie würden ihre zumeist unter freiem Himmel entstandenen Bilder nicht zu Ende führen, so entdeckten Sammler bald den Reiz dieser leichtfüßigen, hellen Kunst, in der die Brechung des Lichts auf einer Wasseroberfläche mehr zählt als die starre Linie der Klassizisten. Das Flirren einer Atmosphäre erhebt sich über jegliche Wiedergabe der Wirklichkeit. Während die Maler von Barbizon am Wald von Fontainebleau bei Paris ihre Motive aus dem lieblichen Binnenland schöpften, ging es bei den Impressionisten in der Normandie rauer zu. Bizarre Küstenfelsen beherrschen oft das Bild, Wellen türmen sich zwischen Segelbooten. Und trotz der Helligkeit der Motive glaubt man zu spüren, dass die Impressionisten bei ihrer Malerei ständig gegen den Regen der Normandie zu kämpfen hatten.

Damals, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, hatten Eisenbahnverbindungen bereits den Weg zu den Küsten geebnet und Tourismus in Gang gesetzt. Davon zeugen in der Ausstellung zeitgenössische Fotografien in Schwarz-Weiß. Doch in den Darstellungen der Impressionisten sind die Strände meist menschenleer. Man blicke nur mal auf die Mona Lisa der Schau, Monets schon allein durch sein Format herausragendes Gemälde "Boote am Strand von Étretat". Die zugehörige Fotografie zeigt etliche Promenierende am Strand, eine etwas wirre Bebauung dahinter mit einem Kirchlein auf dem hohen Felsen. Und was macht Monet daraus? Weg mit dem Fischerkram am Strand, weg mit den Häusern, Ordnung in die Boote gebracht. Das Publikum wünschte Impressionismus als Idylle, Monet kam dem Wunsch nach.

Noch etwas fällt auf: Im Hintergrund fahren Boote aufs Meer hinaus. Davon wiederum weiß die Fotografie nichts. Doch Kurator Alain Tapié, Mitbegründer der Sammlung "Peindre en Normandie", kennt sich aus: Monets Kunsthändler hatte dem Maler zu verstehen gegeben, er könne die Bilder nur verkaufen, wenn das Meer durch ein paar Schiffe aufgelockert werde.

Besonders beliebt war das Genre der Marinemalerei und darin besonders Eugène Boudin, der Mann, der Monet zur Freiluft-Malerei anregte und sich selbst damit einen Namen machte. In seinen Bildern sind Menschen zu Farbpunkten geschrumpft. In "Trouville, Hafenmole bei Flut" bestimmt das farbliche Zusammenspiel von Wolken und Segeln die Komposition, und das Gemälde "Untergehende Sonne bei Ebbe" wirkt bereits fast ungegenständlich: das tiefe Rot der Sonne im Spiegel des Wassers, darüber ein sich verdunkelnder Himmel und vorn die braun verschattete Küste.

Camille Corot gilt eigentlich als Maler der "Schule von Barbizon", doch hat auch er in der Ausstellung zum Impressionismus aus der Normandie seinen Platz, denn er fuhr gern ans Meer, um dort ebenfalls Motive zu schöpfen. Monet bewunderte die Bilder und bekannte: "Es gibt nur einen hier, und zwar Corot; wir sind nichts, nichts neben ihm." In der Tat zählen seine Seelenlandschaften wie "Ein Strand in der Normandie" zum Schönsten der Ausstellung.

Aus den Bildern der weniger bekannten Künstler ragt Frank Myers Boggs' Gemälde "Dieppe, Morgennebel" heraus, ein von ätherischem Weiß umgebenes Ensemble aus Booten, deren sich im Wasser spiegelnde Segel wie unterschiedliche geometrische Formen in den Himmel weisen.

Nach den Impressionisten kommen die Postimpressionisten, sie bilden folgerichtig den Schluss der Ausstellung. Der Pointillismus, das Malen mit Farbpunkten, löst die ineinander übergehenden Farben des Impressionismus ab. Daneben treibt diese Stilrichtung im 20. Jahrhundert noch einmal letzte Blüten, um endgültig neuen Ismen zu weichen. Im Picasso-Museum zeigt sich der gute alte Impressionismus noch einmal von seiner anmutigsten Seite.

Quelle: RP
 
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