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Astronaut Reinhold Ewald
Pendler zwischen den Welten

Köln. Auf dem Gelände des Astronautenzentrums der Europäischen Weltraumagentur ESA in Köln beginnt die Reise ins All. Astronauten trainieren dort - eine Halle beherbergt fast eine ganze Raumstation. Astronaut Reinhold Ewald erzählt. Von Oliver Burwig und Kilian Tress

Poetisch gestimmte Menschen würden sagen, dass Reinhold Ewald ein Reisender zwischen der Erde und dem unbegrenzten Weltraum ist. Pessimisten würden behaupten, dass er in Zeiten sechsmonatiger Aufenthalte auf der Internationalen Raumstation ISS nur einen Bruchteil des großen Traums der Menschheit gelebt hat - seit er vor 26 Jahren ins Astronautenteam des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) berufen wurde. Nur knapp 21 Tage seines Lebens verbrachte er im Weltraum, inklusive der Start- und Landephase. In einer Sojus-Kapsel reiste er 1997 mit einem russischen und einem ukrainischen Kosmonauten zur sowjetischen Mir-Raumstation. Und dennoch: Diesen Flug stellt Ewald in eine Reihe mit der Geburt des ersten Kindes oder seiner Hochzeit.

"Heute dauert die Reise zur ISS nur noch sechs Stunden", erklärt der 59-Jährige bei der Führung durch das European Astronaut Center (EAC). Doch dieser verkürzte Hinflug ist, dank verbesserter Computer- und Navigationstechnik, erst seit wenigen Jahren möglich. Bei Ewalds Flug waren für den Flug zur Mir noch knapp zwei Tage nötig - samt Problemen beim Ankoppeln an die russische Station. Der Deutsche und seine Mitreisenden verbrachten die 48 Stunden in einer weniger als zehn Kubikmeter fassenden Sojus-Kapsel, von der ein verschließbares Modell mit drei Sitzen und nachgebildeten Armaturen in der großen EAC-Halle in Köln steht. Besucher bekommen so ein Gefühl dafür, wie beengt es tatsächlich in der Raumfahrt zugeht.

Und wie fühlte sich Ewald, als er im sperrigen Raumanzug, der nur eine gebückte Haltung erlaubte, vor knapp 20 Jahren vor der Sojus-Rakete stand? Die sollte ihn nach zwei Jahren Training (unter anderem im "Sternenstädtchen", einer streng isolierten Ausbildungsanlage nahe Moskau) ins All bringen. "Man vertraut darauf, dass es sich um das sicherste Transportmittel handelt, das es gibt", sagt Ewald. Und nach Monaten der intensiven Vorbereitung denkt beim Start niemand an einen Rückzieher. Man will nur endlich starten.

Dass die Sicherheit der Kapselbesatzung die höchste Priorität einnimmt, war nicht immer so. 1971 erstickten drei sowjetische Kosmonauten nach einem technischen Defekt, weil sie zugunsten des dritten Sitzplatzes weder Anzüge noch Atemmasken an Bord hatten. Viel hat sich seitdem in der Entwicklung des Sojus-Systems getan, das, wie Ewald sagt, auch das "elegantere" amerikanische Spaceshuttle überlebte, das 2011 zum letzten Flug abhob. "Wenn wir von Raumflügen sprechen, dann meinen wir damit jetzt und auch in absehbarer Zukunft die Sojus", erklärt Ewald. "Die Landung ist zwar eher ruppig, aber auch nach Jahrzehnten noch sicher."

Neben dem Sojus-Kapselmodell hat im EAC auch eine Nachbildung der ISS (International Space Station) ihre Solarzellenflügel ausgebreitet. In Köln trainieren Astronauten, wie sie sich in den europäischen Modulen zurechtfinden, arbeiten und experimentieren können, die bei der echten Mission in knapp 400 Kilometer Höhe die Erde umkreisen. Im Gegensatz zur russischen Mir, in der zwar auch europäische Raumfahrer wie Ewald geforscht haben, ist die ISS ein Beispiel für internationale Kooperation: russische und amerikanische Module - ein Astronaut könnte sie im Schlaf auseinanderhalten - fügen sich aneinander, an ihrer Nutzung sind neben der Nasa, Esa und der russischen Weltraumorganisation Roskosmos auch Kanada und Japan beteiligt. "Alle russischen Module sind autonom, haben also einen eigenen Antrieb", sagt Ewald. Das ESA-Labormodul Columbus ist dagegen ein typisches Beispiel europäischer Bauart: Es konnte nicht selbst ankoppeln und ist im Betrieb auf weitere Module zur Stromversorgung angewiesen. Retten könnten sich Astronauten darin ebenfalls nicht, dafür sind eigene Kapseln vorgesehen: wiederum die russischen Sojus.

In ihnen würden auch heute noch im Ernstfall Astronauten an Bord der ISS auf die Ansage warten, ob sie abkoppeln müssten, wenn sich ein Trümmerfeld aus Weltraumschrott auf einer Umlaufbahn in Höhe der Raumstation bedrohlich nähert. "Wer jetzt an ,Gravity' denkt, der irrt sich", sagt Ewald verschmitzt. In dem Hollywood-Film hatten die Protagonisten kaum Zeit, auf eine gefährliche Trümmerwolke zu reagieren. In der Realität würde man Derartiges voraussehen, mit der Station nach Möglichkeit ausweichen oder bei akuter Gefahr in der Sojus-Rettungskapsel sitzen.

Ein bisschen wirkt Ewald, wenn er erzählt, wie ein mit allen Wassern gewaschener Astronaut, der vermutlich auch auf der dramatischen Apollo-13-Mission nicht aus der Ruhe gekommen wäre, die 1970 nach Explosion eines Tanks fast in einer Katastrophe gemündet wäre. Ewald selbst musste an Bord der Mir schnell handeln, als ein Feuer ausbrach, das er und seine Kollegen innerhalb von 90 Sekunden löschen mussten.

Wenn er über seine Erlebnisse auf der Mir-Mission oder seine jetzige Arbeit als Berater für Raumfahrtmissionen spricht, dann merkt man, dass trotz der Raumfahrtroutine, die Ewald in den vergangenen 30 Jahren bis ins Detail kennenlernte, immer noch der Funke glüht. Die Magie, die von der Reise in den Weltraum ausgeht, ist bei ihm immer noch vorhanden. Obwohl - oder vielleicht sogar weil - der Zauber für Ewald nur knapp drei Wochen dauerte. "Wenn Sie einmal da oben waren, wollen Sie wieder hin. Aber es sollte nicht sein. Jüngere Wissenschaftler waren für weitere Expeditionen vorgesehen. Ich forsche nun am Boden, und mir macht es bis heute viel Spaß, die jüngere Generation auszubilden und sie auf den Weg ins All vorzubereiten."

Quelle: RP
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