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Plattenbörse - Hölle und Paradies zugleich

Man blättert sich wie im Rausch durch Tausende LPs und hofft auf den großen Fund zum kleinen Preis. Viele Termine gibt's passend zur Vorweihnachtszeit. Von Philipp Holstein

Auf Plattenbörsen ist es meistens viel zu warm, und es riecht nach Mensch. Man trifft dort nicht gerne Freunde, denn Freunde werden auf Plattenbörsen zu Konkurrenten. Unterhaltungen sind nicht erwünscht auf Plattenbörsen, man spricht höchstens Sätze wie diese: "Können wir am Preis noch was machen?" und "Also, für 20 würde ich die mitnehmen". Außerdem hat man ständig Angst davor, eine Platte am ersten Stand gekauft zu haben und sie am zweiten Stand in noch besserem Zustand für weniger Geld zu finden. Plattenbörse ist die Hölle. Und der schönste Ort der Welt.

Es fängt schon damit an, dass man sonntags um elf Uhr in der Schlange vor dem Weiterbildungszentrum hinter irgendeinem Hauptbahnhof steht. In solchen Einrichtungen finden Plattenbörsen zumeist statt, und obwohl vor elf eigentlich niemand eingelassen werden soll, hat mancher Stammkunde da schon die Jagd hinter sich: Er sitzt feixend auf einem Barhocker am Verpflegungsstand und isst Halver Hahn, und er hat eine Stones-Single gekauft, die er zwar schon in ein Dutzend Versionen besitzt, aber halt noch nicht in der mit dem roten Label. "65 Euro. Schnäppchen." - "Hörst Du Dir die gleich in Ruhe an?" - "Bist Du bescheuert? Die leg ich nicht auf. Viel zu kostbar."

Man gerät auf Plattenbörsen in einen Rausch. Man blättert Tausende LPs durch, man blickt wie durch einen Schleier, die Lider werden schwer und die Finger schmutzig vom Staub. Und wenn man in einer Kiste eine Platte findet, die man lange gesucht hat, ist das wie ein kleiner Schock. Man spürt ihn zuerst in der Brust, und dann schüttet der Körper Hormone aus, und man wird glasklar im Kopf und eiskalt im Herzen. Denn nun muss man checken: Original oder Repress, Zustand der Platte, Zustand der Hülle, Preis. Und handeln: "Kannst Du mir fünf Euro runterlassen, das Cover hat nämlich Ringwear." Ringwear ist ein Fachbegriff aus dem Rotwelsch der Börsengänger und bezeichnet kreisförmige Abdrücke auf dem Cover an jenen Stellen, wo die LP durchdrückt. Es gibt auch ein eigenes Bewertungssystem für den Zustand des Vinyls: "Mint" ist neuwertig, "Very Good" okay, "Good" geht so, und "Worn" ist so eine Sache.

Die Belohnung ist das Gefühl nach dem Kauf zu guten Konditionen: totales Glück, Körpergewicht ein Gramm. Auf der Plattenbörse einen Fang zu machen, ist aufregender als eine Platte im Geschäft zu kaufen, weil Zufall und Glück die Hand im Spiel haben. Plattenbörsen bringen Dich näher an die Vergangenheit, sie sind Zeitreise, sie sind das Echte. Zufallsfunde auf Plattenbörsen können einen Charakter formen und Vorlieben prägen, indem sie Anstöße geben, Horizonte eröffnen, Verbindungen aufzeigen. Das Blättern in den Stapeln ist eine Art Galeriebesuch: die Hüllen zu sehen, zu erkennen, wie sich das Artwork durch die Jahrzehnte verändert hat. Platten sind Zeitgeschichte. Und: Platten sind einfach schön.

Es ist faszinierend, wie schnell die Zeit auf einer Plattenbörse vergeht. Es ist ein bisschen, als verstreiche sie dort nicht nach irdischen Maßstäben, sondern wie im Märchen: In einer gefühlten Stunde hat der Zeiger das Ziffernblatt in Wirklichkeit locker drei Mal umrundet.

Wenn man Schluss macht und sich auf zu Hause freut und auf den Plattenspieler, wird man menschenfreundlich. Man sagt zu dem Händler, bei dem man am meisten kaufte, dass er super Platten hat - "echt jetzt". Der freut sich aufrichtig, und dann gibt es jenen Moment der Einigkeit, in dem man sich eigentlich umarmen müsste, weil doch jeder in diesem überheizten Raum gleich ist, gleich bescheuert. Aber man tut es nicht. Der größte Liebesbeweis ist nämlich, dass man beim nächsten Mal wiederkommt.

Quelle: RP
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