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Bislang nur ein Opfer bekannt
Rizin - das überschätzte Terrorgift

Washington. Seit den Anthrax-Anschlägen und den Terrorangriffen des 11. Septembers 2001 wird das Gift Rizin in einem Atemzug mit Bioterrorismus-Stoffen genannt, weil es von einer relativ verbreiteten Pflanze stammt und scheinbar leicht herzstellen ist. Tatsächlich hat Rizin bisher mehr Schrecken verursacht als Opfer.

Das Gift eignet sich mehr für ein gezieltes Attentat als für einen Angriff auf eine große Zahl von Menschen. Schon 2004 wurde Rizin im Sortierbereich eines Briefraums in einem Senatsgebäude entdeckt.
Rizin wird aus der Rizinus-Pflanze hergestellt, von der auch das Rizinusöl kommt. Beängstigend daran ist vor allem, dass es kein Gegenmittel gibt und dass es tödlich ist, sollte es eingeatmet werden. Ansteckend ist es nicht.

Von allen Mitteln für biologische oder chemische Terrorakte ist es "eines der bedeutungslosesten, es ist ein Gift", sagt der Bioterrorismus-Experte Milt Leitenberg von der Universität von Maryland. Er könne sich schwerlich an einen Fall erinnern, dass nach einem ersten chemischen Test, der das Vorhandensein von Rizin zeigte, tatsächlich Rizin darin gewesen sei. Fast jeder Fall sei falscher Alarm gewesen. Der US-Gesundheitsbehörde CDC zufolge gibt es einen Schnelltest für Rizin, der sechs bis acht Stunden braucht. Ein vollständigerer, besserer Test benötige aber 48 Stunden.

Bislang erst ein Todesopfer durch Rizin

Bisher listet ein Handbuch des US-Heimatschutzministeriums den Fall einer einzigen Person auf, die durch Rizin getötet wurde. Dabei handelte es sich um ein politisches Attentat 1978, bei dem einem bulgarischen Dissidenten eine Rizin-gefüllte Kugel gespritzt wurde. Das CDC berichtet von weiteren Tötungsfällen, aber auch über eine Injektion von Rizin. Menschen vergifteten sich selbst durch das Essen von Rizinus-Bohnen, aber das Gift wird nicht so gut durch den Verdauungstrakt freigesetzt, wie wenn es injiziert oder inhaliert wird.

Die Gesundheitsbehörde CDC kategorisiert Rizin als Bedrohung der "Klasse B", was die zweithöchste Bedrohungsstufe der Behörde ist. Es rangiert damit hinter Anthrax, Botulismus, Pest, Pocken, Tularämie und viralem hämorrhagischem Fieber. Rizin kann als Aerosol in der Luft freigesetzt und eingeatmet werden. Bereits die Menge, die auf einen Nadelkopf passe, reicht nach Angaben des Handbuchs aus, um einen Erwachsenen umzubringen, wenn es entsprechend präpariert wird.

Man müsse die Dinge aber aus der richtigen Perspektive sehen, meint die medizinische Direktorin der Abteilung für Öffentliche Gesundheit in Iowa, Patricia Quinlisk, die in mehreren Bioterrorismus-Fällen die Bundesbehörden beraten hat. Rizin in etwas umzuwandeln, das aus einem Briefumschlag in die Luft gelangt, in der richtigen Menge vorhanden ist, um eingeatmet zu werden und in der Lunge zu kleben, sei "eine Menge, was man richtig machen muss, vor allem, wenn man kein Bioterrorismus-Spezialist ist, der weiß, wie es geht. Das ist nichts, was man in seiner Garage machen kann."

Es sei schwerer, solche Dinge umzusetzen, als die meisten Menschen glaubten. Die Liste des Heimatschutzministeriums von Terrorakten im Zusammenhang mit Rizin umfasst mehrere Menschen, die Rizin besaßen oder herstellten. Rizin zu inhalieren, sei gefährlicher als es zu essen, so das Handbuch, doch Rizin-Pulver so herzustellen, dass die richtige Menge über ein Aerosol verbreitet werden könne, erfordere "technische Fertigkeiten". Rizin-Pulver könne "auch zu in Innenräumen befindlichen Zielen durch Briefe oder Pakete gebracht werden."

Einer Person, die Rizin ausgesetzt gewesen sei, sollten die Sachen ausgezogen und der Körper gründlich mit Seife und Wasser gewaschen sowie medizinische Hilfe angefordert werden, rät das Handbuch des Ministeriums.

(ap/felt)
 
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