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Sommer der Fotografie

Künstlerische Fotografie ist zurzeit in mehreren Museen der Region zu erleben - in bestechendem Schwarz-Weiß. Von Bertram Müller

Es muss nicht immer Gursky sein. Natürlich ist die Ausstellung "Andreas Gursky - nicht abstrakt" im Düsseldorfer K 20 einen Besuch wert, doch inzwischen ziehen die Namen Gursky, Ruff und Struth in Auktionen und Museen dermaßen viel Aufmerksamkeit auf sich, dass sie alles andere zu überschatten drohen. Da ist es schön, dass einige Häuser der Region ungewohnte Akzente setzen - erstaunlicherweise in Schwarz-Weiß, und das bei zwei Fotografen des 20. Jahrhunderts als auch bei einem der Gegenwart.

Oberhausen: "Inszenierte Eleganz" Man beginne die Rundfahrt ruhig beim nicht abstrakten, durchweg farbigen Gursky in Düsseldorf und tauche dann in der Oberhausener Ludwiggalerie ein in die schwarz-weiß inszenierte Eleganz der Fotografin Regina Relang (1906-1989). "Inszenierte Eleganz" - die Ausstellung trägt den Titel zu Recht, denn Schwarz-Weiß bedeutet nicht zwangsläufig Sprödigkeit. Regina Relang, die mit Reportageaufnahmen begonnen hatte und in der Nachkriegszeit zur führenden Modefotografin Deutschlands wurde, ließ ihre Models gern durch eine städtische Umgebung spazieren und mit Mode ein Lebensgefühl verbreiten. Zu Relangs Auftraggebern zählten Christian Dior, Pierre Cardin und Yves Saint Laurent, ihre Fotografien erschienen in "Constanze", "Madame" und "Film und Frau". Längst ist die Zeit über die Mode von damals hinweggegangen, doch die künstlerisch besten Fotografien der Regina Relang haben als Zeitzeugnisse Bestand. Das sind beileibe nicht nur die modefernen Reportage-Bildnisse von Kohleträgerinnen in Porto oder von einer makedonischen Hochzeit, sondern auch die "inszenierte Eleganz". 1942, als Regina Relang aus Paris nach Deutschland zurückgekehrt war und sich notgedrungen dem "Reichsverband der deutschen Presse" anschloss, um ihren Beruf weiter ausüben zu dürfen, postierte sie ein Model in einem noppigen Wollmantel vor einem Berliner Kiosk. Die Dame lächelt schick in die Linse, doch wer auch den Hintergrund erkundet, stößt auf ein Schild: "Juden der Zutritt verboten".

1946 machte Regina Relang gleich weiter - mit der Aufnahme "Mode in Ruinen". Im zerstörten Café Annast in München posiert ein Model in weißem Kleid, und schon wenige Jahre später schickte die Fotografin ihre Models wieder durch ein großstädtisches Ambiente. In einem der letzten Kapitel der umfangreichen Schau präsentiert Relang Mode an ihren römischen Lieblingsorten Piazza del Popolo und Petersplatz. Erst in den 1970ern wich sie auf reine Studio-Fotografie aus. Denn bei den Modemessen waren die Kleider samt Models nur nachts abkömmlich, und da blieb allein die künstliche Beleuchtung im Atelier.

"Gestaltete Welt" in Essen

Auch das Museum Folkwang zeigt Fotografien, die vom 20. Jahrhundert handeln. Doch der aus Elberfeld stammende Fotograf Peter Keetman (1916-2005) hatte dieses Jahrhundert anders zu spüren bekommen als Regina Relang. Aus dem Zweiten Weltkrieg war er schwer verletzt zurückgekehrt, hatte sein linkes Bein verloren. Und wenn er auch schon während des Krieges fotografiert hatte, so entstand sein eigentliches Werk doch erst mit Beginn der 50er Jahre. "Gestaltete Welt"- der Titel der Essener Schau verweist darauf, wie sehr er sich als Schöpfer verstand. Während Regina Relang inszenierte, richtete Keetman sein Objektiv oft auf Details und gewann damit gewohnten Gegenständen eine unbekannte Seite ab. Bilder von Tropfen sind auf diese Weise entstanden, auch abstrakte, grafisch anmutende Fotografien, die auf eine Langzeitbelichtung pendelnder Lichtquellen zurückgehen. Bei Keetman wirkt Schwarz-Weiß tatsächlich streng, konstruktiv, unnahbar. Keetman arbeitete freiberuflich als Werbefotograf, behauptete daneben aber immer einen Freiraum für Kunst. Selbst die Fotografien, die er 1953 eine Woche lang im Wolfsburger Volkswagen-Werk machte, entstanden ohne Auftrag. Chromglänzende Stoßstangen hängen da in einer Werkshalle nebeneinander, statt ölverschmierter Arbeiter verströmen fast fertige VW-Käfer mit ovalem Rückfenster Zeitkolorit. Keetmans Thema war der Wiederaufbau. Seine auf Ordnung bedachten Fotografien zeugen davon, wie sehr die deutsche Gesellschaft damals danach trachtete, das Chaos des "Dritten Reichs" zu vergessen. Wuppertal: "Fotografie und Film"

Dort eine fast klinische Welt, hier ein Chaos von heute - größer könnte der Gegensatz kaum sein zwischen Keetman in Essen und der abschließenden Station unserer Rundfahrt: Wuppertal. Unter dem harmlosen Titel "Fotografie und Film 1969-2015" stellt der 1950 in New York geborene Künstler Roger Ballen dort in der Von-der-Heydt-Kunsthalle Barmen unbewegte und bewegte Ansichten von Menschen aus, die ihr Dasein abseits unserer westlichen Wohlfühlwelt fristen. Ballen führt uns zu Überlebenskünstlern in afrikanischen Dörfern und zu schicksalsgeplagten Menschen, die auf seine Bitte hin in ihren kargen Behausungen dennoch absurde Rollenspiele mit Hausrat und Tieren vollführen. Im fotografischen Teil trifft man auf einen Teenager mit Glasauge ebenso wie auf einen fetten Jungen, der in die Kamera lacht, während vor ihm ein zum Skelett Abgemagerter seines Todes harrt.

Quelle: RP
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