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Düsseldorf
Strategien für den Neubeginn

Düsseldorf. Ständig wollen wir uns selbst optimieren und etwas an uns verändern. Doch nur selten gelingt es. Forscher wissen, was wir überhaupt ändern können. Und welche Strategien helfen. Von Annette Bosetti

Wer will nicht erfolgreicher werden, ein wenig glücklicher, gelassener, gesünder oder einfach nur schlanker? Gute Vorsätze sind gefasst, nun geht es an die Umsetzung. Die Bücherregale sind mit Ratgebern bestückt, in denen man nach der Formel sucht, die in sieben Wochen einen neuen Menschen aus einem macht.

Doch wer sich erst durch Hunderte von Seiten in Ratgebern schlagen muss, um in die Spur zu kommen, hat die wichtigste Regel schon versäumt, die Psychotherapeut Stephan Peek in seinem Ratgeber aufstellt: "Wenn du etwas ändern willst, beginne sofort. Setze die Hand, den Arm oder den Mund in Bewegung." Dazu passt Laotses Spruch aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.: "Auch der längste Marsch beginnt mit dem ersten Schritt."

Veränderung ist ein zentrales gesellschaftliches Thema. Neben dem individualistischen Optimierungswahn reden alle von "change", vom Wandel. Auch Angela Merkel. Im vergangenen Jahr hat sie Experten eingestellt, laut Stellenausschreibung mit "hervorragenden psychologischen, soziologischen, anthropologischen, verhaltensökonomischen bzw. verhaltenswissenschaftlichen Kenntnissen". Interdisziplinäres Know How ist zielführend, Genetiker, Hirnforscher, Psychologen und Verhaltensneurobiologen legen ihre Ergebnisse zu einem großen Puzzle zusammen.

Der Marburger Hirnforscher Gerhard Roth sagt: "Grundsätzlich ist es schwierig, sich aus eigener Kraft zu ändern." Wer nicht durch Krankheit, Tod, Jobverlust oder sonstiges Unheil von einem Moment auf den anderen gezwungen ist, sein Leben radikal zu ändern, wer also allein aus innerer Überzeugung den Entschluss fasst, der hat es schwer. Es gibt viel mehr Gründe, sich nicht zu ändern, allen voran die Angst zu versagen.

Neben Druck von außen besteht auch die Möglichkeit, dass eine Vision, ein großer mächtiger Wunsch, die Veränderung veranlasst. Das sagt Hartmut Walz, Professor für Verhaltensökonomie in Ludwigshafen. Er rät dazu, jeden Veränderungsprozess in viele kleine Scheibchen zu zerlegen, damit das Erreichen der Etappensiege Erfolgserlebnisse auslöst. Nach vergeblichen Veränderungsversuchen, so Walz, solle man identische Wiederholungen vermeiden.

Hirnforscher sagen, dass 20 bis 50 Prozent der Merkmale eines Menschen genetisch oder vorgeburtlich beeinflusst und nach den ersten drei Lebensjahren so gut wie nicht mehr veränderbar sind. Bis dahin entscheidet sich, wie stark das limbische System - der Hauptsitz der Gefühle und des emotionalen Gedächtnisses im Gehirn - geformt und ausgeprägt ist. Die Forscher beschrieben diese Zeit der Prägung als "das innere Kind". Es bleibt meist lebenslang als unbewusstes Verhaltens- und Denkmuster erhalten. Die Beharrlichkeit des inneren Kindes macht den Mensch andererseits zum Charaktertyp, dessen Marksteine Freundlichkeit sein können, Reizbarkeit, Ehrgeiz, Faulheit, aber auch Gemütszustände wie Zufriedenheit oder Glück. Psychologische Studien bestätigen das: Egal, ob jemand eine Million im Lotto gewonnen hat, ob er einen Partner verloren oder ein Kind neu geboren hat; egal, was auch passiert, spätestens nach ein paar Jahren pendelt sich der Zufriedenheitsgrad wieder auf den ursprünglichen Zustand ein.

In Ergänzung - teilweise auch im Widerspruch zur Theorie vom "inneren Kind" - beschreiben Forscher das Veränderungspotential, das in jedem Menschen angelegt ist. Demnach bleiben Hirnstrukturen bis ins hohe Alter plastisch und veränderbar. Wer anregend lebt, erhält auch neue Anregungen.

Mit intensiven therapeutischen Maßnahmen lässt sich das "innere Kind" korrigieren. Am stärksten wirken Verhaltenstherapien, die einen Automatismus ausnutzen. Es ist eine Macht, die nach Roth tief im Gehirn verankert ist und jeden Schritt, den der Mensch auf gewohnten Pfaden unterwegs ist, belohnt. Dieses neuronale Belohnungssystem sorgt für Geborgenheit. So erscheint es nur logisch, dass jeder Versuch des Menschen, Gewohnheiten zu verändern, ein Kraftakt des Gehirns ist. Die Disziplin ist so erschöpfbar wie die Muskelkraft und ein Grund dafür, warum Diäten scheitern.

Wer sich verändern will, sollte einen starken Wunsch und Willen spüren, einen Plan haben und die Strategien kennen. Er muss zwei Gegenspieler besiegen, das "innere Kind" und die Macht der Gewohnheit. Belohnungen sind wichtig, denn die neuen Erfahrungen prägen sich schneller ein, wenn sie mit guten Gefühlen verbunden sind. Der Genuss eigener Leistung befeuert die Motivation fürs Durchhalten.

Quelle: RP
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