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Düsseldorf
Trockenen Fußes auf dem Rheinboden

Düsseldorf. Das Spezialschiff "Carl Straat" ist einzigartig in Europa. In einer Taucherglocke lässt sich der Grund des Rheins untersuchen - und zwar im Trockenen. Das funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Mittels Überdruck wird das Wasser verdrängt und ausgesperrt. Von Joris Hielscher

Ein angenehmer Arbeitsplatz ist der Grund des Rheins nicht. Im Innern der Metallkammer, die ungefähr die Größe und Form einer Autogarage hat, herrschen eine Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent, zudem dröhnt es andauernd. Kein Wunder, strömt hier - in gut sechs Metern Tiefe in der Fahrrinne - der Rhein mit großer Geschwindigkeit und lässt permanent Steine gegen die Metallwände knallen. Doch gleichzeitig ist es ein einzigartiger Arbeitsplatz. Wegen der Strömung kann kein Taucher in dieser Tiefe arbeiten, auf dem Boden im Trockenen hat vorher noch nie ein Mensch gestanden, und in ganz Europa gibt es nur solch ein Spezialschiff wie die "Carl Straat".

Das Besondere an dem 52 Meter langen Schiff, das 1963 gebaut wurde und seitdem in Einsatz ist: Am Heck befindet sich eine Taucherglocke, die bis zu zehn Meter in die Tiefe herabgelassen werden kann. Eine 15 Meter lange Metallröhre verbindet sie mit dem Schiff. Durch Überdruck gelangt kein Wasser in die Glocke, und so kann die Crew der "Carl Straat" auf dem Grund des Rheins arbeiten, ohne nass zu werden. Unter Wasser räumen die Arbeiter so gefährliche Hindernisse weg, verankern Bojen, kontrollieren Brücken oder führen Bodenuntersuchungen auf dem Grund durch. Immer wieder haben sie dabei interessante Funde gemacht.

Das Bergungsschiff funktioniert nach einem einfachen Prinzip, das jeder vom Abwaschen kennt. Wird ein Glas mit der Öffnung nach unten in ein mit Wasser gefülltes Spülbecken gelegt, bleibt Luft im Glas. In die Taucherglocke bläst ein Kompressor zusätzlich Druckluft, sobald die nach unten offene Metallkammer die Wasseroberfläche berührt. Dadurch entsteht im Inneren der Glocke und der Röhre ein Überdruck. Dieser verhindert, dass Wasser eindringt. Pro einen Meter Tiefe steigt der Luftdruck um 0,1 bar bis maximal ein bar in zehn Meter Tiefe, erklärt Schiffsführer Thomas Bach.

"Die Arbeit bei solch einem Überdruck ist doppelt anstrengend", sagt der 51-jährige gelernte Binnenschiffer. Und nicht ungefährlich. Bevor die Besatzung der "Carl Straat" die Treppe in der Verbindungsröhre hinuntersteigt, muss sie zunächst in die Druckkammer. Hier wird der Überdruck, der im Innern der Taucherglocke herrscht, langsam aufgebaut beziehungsweise beim Verlassen wieder gesenkt. Passiert das nicht, droht die sogenannte Taucherkrankheit. "Wie im Flugzeug ist der Druck auf den Ohren zu spüren", beschreibt Bach den Vorgang in der Druckkammer.

Haben die Männer - von der siebenköpfigen Crew sind in der Regel drei oder vier unten - diese Hürde genommen, geht es an die Arbeit. Die vier mal sechs Meter große Kammer kann auf den Grund aufgesetzt werden oder auch im Wasser schweben - die Arbeiter stehen dann auf Gittern am Rand. Bewegt wird die Taucherglocke durch das Schiff, das bei starker Strömung von einem Schlepper unterstützt wird. Ausgerüstet mit allerlei Werkzeug vom Presslufthammer bis hin zum Schweißgerät, verankern die Crewmitglieder Bojen und führen Reparaturarbeiten an Brücken und Wehren durch. Zudem wird im Auftrag der Bundesanstalt für Wasserbau der Boden am Grund, die sogenannte Rheinsohle, regelmäßig untersucht. "Das sind unsere Routineaufgaben", sagt Bach.

Auch für Bergungsarbeiten wird die "Carl Straat" immer wieder eingesetzt. Wie 2007, als der Frachter "Excelsior" auf dem Rhein bei Köln-Zündorf Schlagseite bekam und 32 Container verlor, die die Fahrrinne blockierten. Es dauerte fünf Tage, bis alle Container geborgen wurden, solange war die wichtige Wasserstraße an der Stelle vollständig gesperrt. Es war einer der aufsehenerregendsten Unfälle auf dem Rhein in den vergangenen Jahren. Mehrere Container hatten die Männer von der "Carl Straat" am Grund mithilfe der Taucherglocke gefunden und geborgen. Und in der Nähe des hessischen Eltville entdeckten die Binnenschiffer durch Zufall eine Weltkriegsbombe. "Das Minenräumkommando kam, konnte die Bombe aber nicht entschärfen", erinnert sich Bach. "Wir mussten sie ganz vorsichtig aus dem Wasser holen und an die Oberfläche bringen." Die Bombe wurde dann abtransportiert und gezielt gesprengt.

Regelmäßig bergen die Binnenschiffer auch Autos vom Grund des Rheins. Oft handele es sich dabei um Versicherungsbetrug, erklärt Bach. Einmal war das nicht der Fall, als sie eine Leiche in einem Auto fanden. Ein Selbstmörder hatte absichtlich sein Fahrzeug in den Rhein gesteuert, erzählt Bach. In letzter Minute muss er es sich anders überlegt haben. "Beim Versuch, die Heckscheibe einzuschlagen, hat er sich die Hände blutig geschlagen", erinnert sich der Schiffsführer mit einem Schaudern. Die "Carl Straat", die zum Wasser- und Schifffahrtsamt Duisburg gehört, wird auf dem Rhein von der holländischen bis zur französischen Grenze und auf der Mosel bis nach Trier eingesetzt. Bei längeren Entfernungen zieht sie ein Schlepper zum Einsatzort. Das Spezialschiff wird immer dann gerufen, wenn niemand anders helfen kann. Für die Männer der "Carl Straat" geht es dann in die Tiefe - aber eben trockenen Fußes.

Quelle: RP
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