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Alltagsrätsel
Warum Pygmäen klein sind

Bilder der Forschung 2007
Bilder der Forschung 2007 FOTO: VFA
Düsseldorf (RP). Die Mitglieder der afrikanischen Völkergruppe werden nicht größer als 1,55 Meter. Früh ausgewachsen zu sein, bringt eine vorzeitige körperliche Reife mit sich. Das sichert das Überleben. Von Frank Ufen

In den Regenwäldern West- und Ostafrikas leben Völker wie die Aka, die Efe und die Mbuti, für die sich die zusammenfassende Bezeichnung "Pygmäen" eingebürgert hat. Das Auffälligste an ihnen ist ihre geringe Körpergröße: Die Männer erreichen höchstens 1,55 Meter, und die meisten Frauen bleiben unter 1,50 Meter. Bisher hat man die geringe Körperlänge der Pygmäen als eine Anpassung an die Verhältnisse ihres tropischen Lebensraumes erklärt.

Unter anderem hat man darauf hingewiesen, dass Kleinwüchsigkeit ein erheblicher Vorteil ist, wenn es darum geht, im Dickicht des Regenwaldes schnell voranzukommen, Hungerzeiten zu überstehen und der Gefahr der Überhitzung zu trotzen - denn je größer die Körperoberfläche im Verhältnis zur Körpermasse ist, desto mehr Wärme wird abgegeben. Diese Erklärungen klingen plausibel. Es gibt allerdings Fakten, die mit ihnen schlecht zu vereinbaren sind.

Völlig anderer Erklärungsansatz

So gibt es durchaus afrikanische Pygmäen-Völker, die sich in Regionen niedergelassen haben, wo es weder eine dichte Bewaldung noch ein feucht-warmes Klima gibt. Des weiteren gibt es Völker wie beispielsweise die Massai, die eindeutig zu den Hünen zählen, obwohl sie genauso häufig mit einem überaus knappen Nahrungsangebot auskommen müssen. Und schließlich sind Menschengruppen mit Pygmäen-Statur keineswegs auf den afrikanischen Kontinent beschränkt. Es gibt auch etliche auf den Andamanen, in Malaysia, Thailand, Indonesien, Papua-Neuguinea, auf den Philippinen, in Brasilien und Bolivien.

Aber jetzt gibt es eine völlig andere Erklärung. Kürzlich haben die britische Anthropologin Andrea Migliano (Universität Cambridge) und ihr Team die Körpergröße, die Fruchtbarkeit und die Lebenserwartung verschiedener kleinwüchsiger Populationen aus Afrika und von den Philippinen analysiert. Dabei sind die Wissenschaftler zu erstaunlichen Erkenntnissen gelangt. Sie berichten darüber im Wissenschaftsjournal "Pnas" (Nr. 51).

Niedrige Lebenserwartung

Demnach haben die Pygmäen überall auf der Welt sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter eine erschreckend niedrige Lebenserwartung. Bei Neugeborenen beträgt sie knapp 25 Jahre, und es gibt sogar Völker, bei denen Neugeborene nur mit einer Lebensspanne von weniger als 20 Jahren rechnen können. Von den Pygmäen-Kindern erreichen allenfalls ein Drittel bis die Hälfte das 15. Lebensjahr, während es bei ostafrikanischen Hirtenvölkern wie den Turkana, Ache oder Kung bis zu drei Viertel sind. Für das Erwachsenenalter gilt im Wesentlichen dasselbe.

Andrea Migliano und ihre Mitarbeiter haben außerdem herausgefunden, dass Pygmäen-Kinder genauso schnell wachsen wie Altersgenossen in Europa, Amerika oder Asien. Es gibt allerdings einen erheblichen Unterschied: Spätestens mit 13 Jahren hören die jugendlichen Pygmäen auf zu wachsen. Warum? Hierauf, so Migliano, gibt es nur eine schlüssige Antwort. Früh ausgewachsen zu sein, bringt eine vorzeitige körperliche Reife mit sich. Das bedeutet, dass die Frauen viel eher ins gebärfähige Alter kommen und ihr erstes Kind Jahre eher zur Welt bringen können.

Auf diese Weise haben es die Pygmäen geschafft, trotz extrem hoher Sterberaten zu überleben.

 
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