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Welttheater mit Puppen

"Fidena" ist das Festival für internationales Gegenwartstheater mit Puppen. Los geht es am 9. Mai, und soviel sei bereits verraten: Es wird sehr politisch. Von Max Florian Kühlem

Seit mittlerweile 60 Jahren kämpft das Festival "Fidena - Figurentheater der Nationen" gegen verstaubte Puppentheater-Klischees. Auch zur Jubiläumsausgabe vom 9. bis 18. Mai in Bochum, Essen, Hattingen und Herne gibt es weder tanzende Marionetten noch pädagogische Handpuppen zu sehen - höchstens als ironischen Kommentar. Das Festival-Logo ist dieses Jahr aus rosa Wolle gestrickt. Die Fidena bezieht sich damit auf die Pussyhat-Bewegung, also die Millionen von Frauen die nach der Amtseinführung mit rosa Wollmützen gegen den US-Präsidenten Donald Trump protestierten. Denn auch das Festival-Programm ist politischer als je zuvor, steht unter dem Motto "Resist" ("Widerstehen"). Das sind die Höhepunkte:

Weltgrößter Kasper Die Fidena beginnt am 9. Mai, 18.30 Uhr, vor der Rotunde in der Bochumer Innenstadt mit einer Parade, die der größte Kasper der Welt anführt - beziehungsweise die größte Kasperin. Die Riesenfigur der Künstlerin Stefanie Oberhoff wird nämlich "Punch Agathe" heißen und während des gesamten Festivals für verwirrende Interventionen in der Bochumer und Essener Innenstadt sorgen. Der/die Kasper/in wird hier, was die Figur als englischer Punch einst gewesen ist: Symbol der Nicht-Moral, des Un-Sinns, der Anarchie.

Schwangerschaftspakt Eines der erklärten Lieblingsstücke der Festivalleiterin Annette Dabs ist "Sorry, Boys" von Marta Cuscunà, zu sehen am 17. und 18. Mai im Prinzregenttheater Bochum. Die italienische Schauspielerin, Autorin und Regisseurin bezieht sich mit ihrem erstaunlichen Solo, das als deutsche Erstaufführung zu sehen ist, auf einen außergewöhnlichen Fall: Im US-amerikanischen Gloucester wurden 2008 mindestens 17 Schülerinnen gleichzeitig schwanger mit dem Ziel, ihre Kinder in einer weiblichen Gemeinschaft aufwachsen zu lassen. Es war ihre Form des radikalen Protests gegen eine starke Häufung von männlicher, häuslicher Gewalt im Ort.

Streit und Harmonie Die Eröffnung findet im Schauspielhaus Bochum statt. Die Wahl des Stücks überrascht, weil es nicht neu ist, sondern sieben Jahre alt. "Ich musste die beiden beknieen, dass sie es nochmal aufführen", sagt Festivalleiterin Annette Dabs: In "Jake & Pete's Big Reconciliation Attempt For The Disputes From The Past" versuchen die in Burundi geborenen und nach Belgien übergesiedelten Brüder Jakob und Pieter Ampe am 9. Mai, dem auf die Schliche zu kommen, was es heißt, Brüder zu sein - mit Streit und absurdem Humor, Tanz-, Musik- und Objekttheater.

Schwarzhumoriger Star Ebenfalls im Schauspielhaus Bochum ist am 10. Mai einer der größten Stars des Puppentheater zu erleben: Der aus Australien stammende Neville Tranter zeigt mit "Babylon" ein schwarzhumoriges, religions- und zeitkritisches Stück über Schlepper und einen Menschen auf der Flucht ins gelobte Land: Jesus.

100 Jahre Oktoberrevolution Warum ist es so schwierig, die Welt zu retten? Das fragt am 13. Mai im Grillo-Theater der argentinische Regisseur und Autor Mariano Pensotti mit seiner Grupo Marea: In "Loderndes Leuchten in den Wäldern der Nacht" erzählen die Spieler drei Geschichten von drei Frauen in drei Darstellungsformen: Puppenspiel, Schauspiel und Film, die sich sowohl ineinander verschränken, als auch gegenseitig kommentieren und zusammengenommen um die Frage kreisen, was gut hundert Jahre später von der Oktoberrevolution übrig blieb.

Kunst & Kohle 17 Ruhrkunstmuseen zeigen ab 5. Mai das Mega-Ausstellungsprojekt "Kunst & Kohle" zum Ende des Steinkohlebergbaus im Ruhrgebiet. Dafür wurde auch ein Theater-Stück gesucht, das auf Reisen gehen kann. "Carbon" der Dresdner Cie. Freaks und Fremde bekam den Zuschlag und feiert seine Uraufführung auf der Fidena, am 12. und 13. Mai in den Flottmann-Hallen Herne. Sie gedenken des lokalen Ereignisses des Bergbau-Endes mit Objekten, Bildern und einer Theatermaschine global: Die Kohle verschwindet, aber die Kohlekraftwerke bleiben - wo kommt der Brennstoff her?

Geheimnis Viele Stücke der Jubiläums-Fidena sind wegen des politischen Anspruchs textlastiger als sonst. Bei internationalen Produktionen wird deshalb manchmal mit deutschen Obertiteln gearbeitet. Für das zeitgenössische Papiertheater "Ein Geheimnis der Straße" der französischen Cie Papierthéâtre hat die Festivalleiterin sogar eine synchrone Übersetzung in Auftrag gegeben. Damit kann das deutschsprachige Publikum die Abenteuer zweier Mädchen in einem iranischen Viertel noch direkter erleben.

Quelle: RP
 
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