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Düsseldorf
Weniger Herzinfarkt-Fälle in milden Wintermonaten?

Düsseldorf. Schönes Thema für eine Doktorarbeit: Einige rheinische Kardiologen erleben derzeit eine ungewöhnlich niedrige Zahl von Notfällen. Von Wolfram Goertz

Der Fall ist in den Lehrbüchern der Kardiologie gut beschrieben: Mann Anfang 60 sieht es draußen schneien, er muss wieder Schnee schippen. Er macht sich an die Arbeit - und nach fünf Minuten packt er sich an sein Herz und spürt: Da ist es eng, da tut es weh. Manchmal ist es direkt ein Infarkt. Der trifft ihn nicht unbedingt aus heiterem Himmel: Wer ohnedies verengte Herzkranzgefäße hat, bei dem sorgt der Winter mit seiner Kälte für ein zusätzliches Problem - Kälte stellt die Gefäße eng. Das nennt man Vasokonstriktion. Wir kennen das von unserem Tank im Auto: Im Sommer passt mehr Sprit rein als im Winter.

Da wir derzeit einen ungewöhnlich milden Winter erleben, könnte es sein, dass es in diesen Wochen auch weniger Infarktfälle in den Krankenhäusern gibt. Wir haben drei erfahrene Kardiologen gefragt, wie es in ihren Herzkatheterlaboren aussieht. Prof. Ernst G. Vester, Chefarzt am Evangelischen Krankenhaus in Düsseldorf, sagt: "Tatsächlich ist es bei uns momentan recht ruhig. Zwar gibt es keine Studie, die eine Abhängigkeit der Infarktrate vom Wetter belegt, aber der Mechanismus liegt für mich auf der Hand. Wir kennen ja auch zur Genüge den Fall, dass jemand aus dem warmen Restaurant auf die kalte Straße tritt und Herzprobleme bekommt. Das ist letztlich das gleiche Prinzip."

Prof. Wolfgang Schöls, Chefkardiologe am Herzzentrum Duisburg, bestätigt das: "Auch bei uns ist es im Herzkatheterlabor in diesen Wochen, was die Notfälle betrifft, ungewöhnlich ruhig. Das könnte über den Faktor Wetter hinaus aber auch mit der Gemütslage der Menschen zu tun haben. Der November war eben kein Totensonntag-Monat, in dem man deprimiert durch die Welt schlich, sondern fast noch ein goldener Oktober. Und der Dezember schließt sich bis jetzt nahtlos an."

In diesen Düsseldorf-Duisburger Trend spuckt das Krankenhaus Erkelenz. Dort, sagt Chefarzt Klaus-Dieter Winter, wurden soeben "in vier Tagen sieben frische Infarkte behandelt". Winter fügt jedoch hinzu: "Ich finde die Argumente der Kollegen, was Infarkt und Wetter miteinander zu tun haben, sehr einleuchtend." Er wisse auch nicht, warum es bei ihm auf dem Land mehr Infarkte gebe als in der Stadt.

Alles schöne Themen für mindestens zwei Doktorarbeiten.

Quelle: RP
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