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Lübeck
Wenn Chorknaben ständig blinzeln

Lübeck. Viele junge Sänger legen beim Singen kleine Tics an den Tag. Der Lübecker Neuropsychiater Alexander Münchau möchte das Phänomen erforschen.

Ein Knabenchor machte den Wissenschaftler Alexander Münchau aufmerksam. Zunächst sei ihm dort ein Junge mit einem Tic aufgefallen. "Ich beobachtete die Sänger daraufhin genauer und stellte fest, dass während des rund zweistündigen Konzerts von 40 präpubertären Jungen 14 - also 35 Prozent - irgendwelche Tics wie ständiges Zwinkern oder auffällige Kopfbewegungen zeigten", sagt er.

Die Hintergründe möchte der Neuropsychiater mit seinem Team nun erforschen. Ziel sei es, herauszufinden, ob Störungen in Aufmerksamkeits- und Handlungsauswahlprozessen der Grund für diese willkürlichen Körperbewegungen seien, so Münchau. Möglicherweise seien Tics unter künstlerisch begabten Menschen verbreiteter als bei anderen, vermutet er.

Tics sind gehäuft auftretende, unwillkürliche Zuckungen einzelner Muskelgruppen. Sie treten meist zwischen dem Grundschulalter und der Pubertät auf, Jungen sind stärker betroffen als Mädchen. Man unterscheidet zwischen motorischen und vokalen Tics. Bei einer Kombination mehrerer Tics, die länger als ein Jahr auftritt, spricht man vom Tourette-Syndrom.

Dem Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Dresden, Veit Roessner, erscheint die von Münchau beobachtete Zahl von 35 Prozent allerdings ungewöhnlich hoch. "Die bekannten Zahlen sprechen von bis zu 20 Prozent, ich gehe im Schnitt von 10 Prozent aller Jungen aus, die mal irgendeinen Tic haben", sagte Roessner. Er ist wie Münchau Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Tourette-Gesellschaft.

Die Beobachtung bei dem Konzert bestärkte Münchau und seine Kollegen, mögliche Fehlfunktionen im Gehirn als Ursache von Tics zu erforschen. Sie haben bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Forschergruppe zur Pathophysiologie von Tourette beantragt. Über den Antrag wird nach Angaben der Deutschen Forschungsgemeinschaft voraussichtlich Anfang Juli entschieden.

(dpa)
 
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