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Moers
Wenn Parkinson-Therapie zur Sexsucht führt

Moers. Bei manchen Tabletten sind fatale Nebenwirkungen unvermeidlich. Fremde müssen geschützt werden. Von Wolfram Goertz

Kein alltäglicher Fall, der jetzt das Amtsgericht Moers zu verhandeln musste. Ein 68-jähriger Sportlehrer war angeklagt, in zwei Pflegeheimen Frauen sexuell belästigt zu haben. Zu einer Frau, die im Wachkoma lag, sei er sogar über die Sicherungsstäbe ihres Bettes geklettert. Der Mann ist allerdings selbst schwer krank: Er leidet an der Parkinson-Krankheit und muss deshalb Tabletten einnehmen. Diese Medikamente haben Nebenwirkungen, die eine Form der Sexsucht ausgelöst haben.

Der Fall offenbart das Dilemma, in das die moderne Medizin geraten kann. Denn diese Nebenwirkungen bei Parkinson-Medikamenten sind bekannt: Die Impulskontrolle sinkt, die Libido steigt. Versagt man dem Patienten die Tabletten, hätte das fatale Folgen für ihn; gibt man sie ihm weiter, geht von ihm eine latente Gefahr aus, sofern nicht geeignete Maßnahmen der Beaufsichtigung möglich sind. Nun muss geprüft werden, ob es für den Patienten alternative therapeutische Möglichkeiten gibt. Der Mann selbst ist gänzlich einsichtig und reuig; er steckt in einer therapeutischen Falle, nämlich in dem Konflikt zwischen erwartbarer Selbst- und Fremdgefährdung. Besserung wird er nicht gut geloben können.

Diese Nebenwirkung ist nicht selten bei der Behandlung von Parkinson-Patienten. Sowohl bei den sogenannten L-Dopa-Präparaten als auch bei den sogenannten Dopamin-Agonisten, gängigen Parkinson-Medikamenten, können psychiatrische Krankheitsbilder die Folge sein: Sexsucht, Spielsucht, Kaufsucht, Esssucht. In der Fachliteratur wird oft von schweren familiären Problemen berichtet, die unter solchen Symptomen auftreten.

Auch bei anderen Krankheiten können sinnvolle und weit harmlosere Medikamente unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen. Stellen wir uns einen Patienten vor, der zur Schlaganfall-Vermeidung Marcumar nehmen muss. Wenn er nun Kopfschmerzen bekommt, könnte ein Standardmedikament wie Ibuprofen bedenklich sein. Und zwar in zweifacher Hinsicht: Zum einen hat Ibuprofen eine hemmende Wirkung auf die Zusammenlagerung von Blutplättchen; darin ähnelt es der Acetylsalicylsäure (ASS). Deshalb besteht eine verstärkte Blutungsgefahr. Paradoxerweise kann es aber auch zu Thromben und Embolien kommen.

Weiterhin ist bekannt, dass Ibuprofen oder der Wirkstoff Diclofenac in manchen Fällen das sogenannte "Aspirin-Asthma" auslösen können. Diese Fälle treten wirklich nicht häufig auf, sind aber in der Fachliteratur eindeutig dokumentiert. Neue Studien weisen darauf hin, dass die längere Einnahme von Ibuprofen das Risiko für einen Herzinfarkt und einen Schlaganfall erhöht. Ähnliche Hinweise gibt es für die in jeder Apotheke frei verkäuflichen Magensäure-Blocker.

Die Frage für den Normalverbraucher: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass mich eine solche Nebenwirkung ereilt? Die meisten Medikamente sind gut getestet, von marktschreierischen Geschichten und Gerüchten sollte man sich nicht schrecken lassen. Nebenwirkungen betreffen häufig auch die Menschen, die eine entsprechende Disposition haben. So sind Raucher und Übergewichtige, die häufig Ibuprofen einnehmen, besonders oft von Herzinfarkten betroffen.

Quelle: RP
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