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Düsseldorf
Wie uns die Maßlosigkeit ruiniert

Düsseldorf. Meinhard Miegel hält Hybris für das Kernproblem westlicher Gesellschaften und lobt die Kunst der Beschränkung. Von Dorothee Krings

Vielleicht hat die westlichen Gesellschaften tatsächlich eine kollektive Hybris erfasst – eine extreme Form der Selbstüberschätzung, die stets einhergeht mit Realitätsverlust. Denn in der Tat blenden die Wohlhabenden in den frühindustrialisierten Ländern ja weitgehend aus, wie Menschen in anderen Erdteilen von der Hand in den Mund leben müssen und dazu die Folgen der Umweltausbeutung tragen, die den Konsum-Lebensstil in den reichen Industrieländern erst ermöglicht.

Das ist anmaßende Verkennung von Realität, weil es allzu einfach ist, ferne Wirklichkeit auszublenden. Und so haben viele Menschen zwar ein ungutes Gefühl, wenn sie Kleider aus Bangladesch oder Wegwerfmöbel kaufen und zum Wochenende in den Billigflieger steigen. Doch die anderen tun es ja auch. Hybris, wenn sie ganze Gesellschaften erfasst, wird nicht mehr wahrgenommen und ist gerade dadurch gefährlich. Sie verhindert, dass Menschen Probleme erkennen – und rechtzeitig gegensteuern.

Darum ist es gut, wenn Sozialwissenschaftler ihren Forschungsfreiraum nutzen, um einer Gesellschaft ihre Disfunktionalität zu spiegeln, also Probleme erkennen und benennen, die von der Mehrheit verdrängt werden. Der Bonner Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel tut das mit seinem neuen Buch "Hybris". Allerdings zielt Miegel trotz des Titels weniger auf die Selbstüberschätzung und Vermessenheit westlicher Gesellschaften als vielmehr auf Phänomene wie Gier und Maßlosigkeit und formuliert einmal mehr den Appell, sich mit weniger zu begnügen, darin sogar eine Chance zu erkennen.

Das ist nicht ganz neu. Harald Welzer zum Beispiel hat kürzlich in "Selbst denken!" viele Formen der neuen Selbstbeschränkung reflektiert. Miegel setzt allerdings andere Akzente. So hält er es etwa für zu kurz gegriffen, den Kapitalismus anzugreifen. Das sei auch nur eine Art, sich einen Schuldigen zu beschaffen, auf den sich Verantwortung abwälzen lasse. Er hält die Unersättlichkeit und das sture Festhalten am Wachstumsdenken hierzulande für das Symptom einer tiefgreifenden Kulturkrise: "Die Essenz dieser Kultur ist der allem Anschein nach fehlgeschlagene Versuch, eine ursprünglich im Jenseitigen angesiedelte Idee, nämlich die Gottesidee völliger Unbegrenztheit, diesseitig zu wenden", schreibt er. Aus dieser Unmäßigkeit westlicher Kulturen entwickelten sich Krisen.

Miegel dekliniert das durch viele Lebensbereiche, von Bauprojekten wie Berliner Flughafen oder Elbphilharmonie über Verkehrsinfarkte bis zum wuchernden Bildungssystem. Überall seien Menschen am Werk, die noch immer glaubten, mehr sei auch besser. Miegel fragt nach den Ursachen für diese Wachstumsbesessenheit: "Dicht unter dieser Oberfläche toben die Emotionen: die Nummer eins zu sein, den Wettbewerb auszuschalten, die eigene gesellschaftliche Stellung zu heben, das Einkommen noch höherzuschrauben, kurz: Es geht um Archaisches, beinahe schon Animalisches, ausgetragen mit den Mitteln der Moderne."

Nun ist es eine fragwürdige These, das Höher-, Schneller-, Weiter-Streben der Menschen als "Ausschalten des Wettbewerbs" zu bezeichnen. Es ist vielmehr Wettbewerbsdenken in Reinform, die Nummer eins sein zu wollen. Dieser in Konkurrenzverhältnissen angelegte Ehrgeiz ist ja gerade der Motor des Kapitalismus, der nun mal nicht das Wohl der Menschen zum Ziel hat, sondern die Maximierung von Profit. Will man das grundsätzlich nicht in Frage stellen, ist also zu überlegen, wie Gesellschaften der Wachstumslogik zum Trotz das Wohl möglichst vieler Menschen garantieren können. Und was dieses Wohl ist.

Dabei landet auch Miegel, wenn er einen Paradigmenwechsel fordert und die Verantwortung dafür bei jedem einzelnen ansiedelt. "Was jetzt gefragt ist, ist ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, Phantasie, Improvisationsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft", schreibt er. Und dann empfiehlt er der von Hybris befallenen Gesellschaft noch innezuhalten und nach neuen Möglichkeiten zu suchen, dass Erreichte besser zu nutzen – statt es immer weiter vermehren zu wollen.

Quelle: RP
 
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