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Wimmelbilder aus der Natur

Im Museum Kunstpalast ist die Natur Gegenstand von vier künstlerischen Positionen: Carl Wilhelm Kolbe, Franz Gertsch, Simone Nieweg und Natascha Borowsky treten in einen magischen Dialog. Von Annette Bosetti

Es war ungewöhnlich für das 18. Jahrhundert, wie Carl Wilhelm Kolbe vorging. Er missachtete bei seinen meisterhaften Radierungen alle Regeln des klassischen Bildaufbaus, was nicht einmal Goethe gutheißen mochte. Kolbe liebte vor allem die Bäume, sie waren für ihn der Inbegriff von Natur, eine Zaubergewalt. Er wählte zeitlebens kein anderes Motiv und verschrieb sich formal allein der Radierung. Der Selbstgelehrte, wie er sich bezeichnete, schuf eine eigene Gattung der Kräuterblätter. Dabei setzte er das Gewächs, meist ein Unkraut, fett in die Bildmitte, missachtete die Proportionen, zoomte seine Motive heran, so wie es später die Fotografie konnte. Er übertrieb und übersteigerte die Formen, wagte Anschnitte am oberen Bildrand, ging über den Rand hinweg, sparte den Himmel aus und lenkte den Blick des Betrachters auf die Erde.

So entsteht eine ungewohnte Üppigkeit, denn wild wuchert alles, was wächst, auf den kostbaren Tafeln des Meisters, der ein Künstlerkünstler ist - einer, der von nachfolgenden Generationen verehrt und geschätzt wird. Ein Geheimtipp sei das Kolbe-Werk, sagt der neue Generaldirektor im Kunstpalast, Felix Krämer. Er freue sich, diese wunderbare Ausstellung "Magische Natur" eröffnen zu können. Kolbe sei überfällig. Und immer noch so modern.

Das Museum der Bürger soll nach Krämers Willen noch mehr ein Ort der Entdeckung und Vielfalt werden, die Sammlung sei dazu angetan, das zu leisten. Mit Kindern könnte man auch zu Kolbe & Co. gehen, da gebe es jede Menge zu entdecken. "Diese Radierungen funktionieren wie Wimmelbilder."

Fraglos ist die Natur eine der größten Inspirationsquellen für Künstler jeder Generation. Es wären nur halb so viele Bilder in der Welt, gäbe es nicht dieses Motiv, das uns Menschen umhüllt, wundersam anregt, lebensfähig hält und mehr oder weniger intakt umgibt. Schon Dürer predigte, dass die Kunst wahrhaftig in der Natur steckt. Das Credo des Renaissance-Malers lautete: "Wer sie heraus kann reißen, der hat sie."

Das Magische an der Natur herausreißen will jeder der vier Künstler, deren Werke einen zeitüberspannenden Reigen bilden. Neben Kolbes Radierungen, die als Bezugsgröße dienen, sind die Fotografinnen Simone Nieweg und Natascha Borowsky vertreten; außerdem der wichtigste lebende Schweizer Künstler Franz Gertsch. Von Gertsch, der hochbetagt zur Eröffnung nach Düsseldorf anreiste, sind riesengroße monochrome Holzschnittdrucke ausgestellt.

Eine Größenverschiebung von Phänomenen der Natur betreibt auch Gertsch, der alleine mit zwei Farben, dem hellen Grund des Papiers und einer monochromen Tönung, seine überdimensionierten Blätter gestaltet. Gertsch will verfremden, abstrahieren, sagt Gunda Lyken, die die Ausstellung feinstimmig eingerichtet hat. Gertsch brauche stets ein Jahr bis zur Fertigstellung eines seiner Großformate. Alles beginne bei ihm mit einem fotografischen Schnappschuss, am Ende der langwierigen Feinarbeit mit Punkten stehe mit seinem Holzschnitt etwas völlig Freies, ein Fantasieprodukt von Natur, in der Welt.

Es hat sich weit von der Realität entfernt, ist nur noch eine Idee von Natur, von zarten Blättern, die sich auf der Fläche harmonisch ausbreiten. Ausgerechnet die Pestwurz, deren Laubblattspreiten bis zu 60 Zentimeter im Durchmesser erreichen können, ist das Modell von Schönheit der Natur.

Die Fotografinnen Nieweg und Borowsky, beide Meisterschülerinnen von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie, stehen für die jüngere Generation, geboren in den 1960er Jahren. Ihre Bilder haben einen anderen Zugang zur Magie der Natur. Sie erzählen Geschichten von heute. Simone Nieweg interessiert sich für Gemüse im Nutzgarten, dabei sucht sie seltene Sorten und verwunschene Orte auf. Ein Wirsingkopf, ein Rhabarberblatt oder ein ganzes Erbsenfeld - das klingt vielleicht banal und ist doch weitgespannt als Idee. Immer mit Tageslicht lauert sie dem Hort ihrer Freude auf, am liebsten ist ihr der warme Abendschein. Mit der Großbildkamera ist sie in Nutzgärten unterwegs, die von der Selbstversorgung berichten, von Zeiten, als die Menschen noch selber mit der Hände Arbeit für ihre Lebensmittel sorgten. Das Gemüse verwandelt sich dabei zu einer Naturskulptur, jedes Foto wird zum Dokument des Wandels.

Der Mangroven-Wald von Natascha Borowsky habe sie in seiner Surrealität an Kolbe erinnert, sagt die Kuratorin. Es sei ein Zauberwald der besonderen Art. In Indien ist Borowsky fündig geworden für ihr Spiel mit Natur und Künstlichkeit. "Ich zeige das, was ich sehe", sagt sie, "ohne Bewertung." Fast zu schön sind die großformatigen Fotoarbeiten ausgefallen, die nebenbei von dem Elend des Mülls auf der Erde berichten. "Transition" hat sie ihre Serie genannt, die von einem verwunschenen Ort berichtet, wo Ebbe und Flut regieren. Ist das Wasser zurückgetreten, hängen in Ästen und Pflanzen bunte Fetzen, ungeliebte Reste von Zivilisation.

Die Ausstellung "Magische Natur" verbindet draußen und drinnen, Dokumentation und Imagination. Sie bereitet Freude am Sehen und beweist, was Generaldirektor Felix Krämer für sein Museum einfordert: dass Vergangenheit immer mit heute zu tun hat.

Quelle: RP
 
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