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Zehn Höhepunkte der Wissenschaft 2012
Es ist schwer vorherzusagen, welche Entdeckungen der Forschung später einmal die größte Bedeutung haben werden. In diesem Jahr gab es aber einige neue Erkenntnisse und Entwicklungen, die im Gespräch bleiben werden. Von Rainer Kurlemann

Die herausragende Entdeckung des Jahres ist ohne Zweifel der Nachweis des Higgs-Teilchens. Der Theoretiker Peter Higgs hatte seine Existenz vor 50 Jahren vorhergesagt, aber es bedurfte des größten je von Menschenhand erbauten Experiments, bevor das letzte fehlende Stück in der Theorie über Aufbau der Materie auch experimentell nachgewiesen werden konnte. Ohne die Bestätigung des Higgs-Teilchen hätte die Physik viele Theorien überarbeiten müssen. Am Teilchenbeschleuniger Cern feiert man Anfang Juli das Ereignis mit Würde – Peter Higgs vergoss ein paar Tränen.

Die folgenreichste Entdeckung des Jahres fällt in den Bereich der Gentechnik. Die Menschheit ist auf dem langen Weg, ihre eigene Spezies zu verstehen durch die Entschlüsselung des Erbguts ein Stück vorangekommen. Fünf Jahre lang hatten 442 Genetiker im internationalen Projekt "Encode" Details der menschlichen DNA untersucht. Sie verknüpften Funktionen menschlicher Zellen mit der komplexen Struktur unserer Erbinformationen. Die erste Erkenntnis: Vermutlich greift 80 Prozent unseres Erbguts ständig mehr oder weniger aktiv in die biochemischen Prozesse des Körpers ein. "Encode" lieferte im September den ersten Blick in ein feines System von Schaltern für biologische Aktivität – und Hunderte neue Fragen, wie wir davon profitieren können.

Die spektakulärsten Erfolge feierte die Forschung im Weltall. Die Menschheit bekam einen weiteren Außenposten auf dem Mars. In einer beispiellosen Ingenieursleistung landete Anfang August der Roboter "Curiosity" auf dem roten Planeten. Wissenschaftliche Sensationen konnte die US-Raumfahrtbehörde Nasa bisher nicht vorweisen, aber immerhin funktionieren alle Sensorsysteme, und das Fahrzeug ist gegen äußere Widrigkeiten besser gewappnet als seine Vorgänger.

Auch über die Erde gibt es Dank neuer Satelliten Daten in nie gekannten Details: Bilder der Erde bei Nacht oder präzise Messungen zum Abschmelzen des Polareises am Nordpol. 2012 wird für die Nasa zum Jahr des Paradigmenwechsels: Während die US-Raumfähren ins Museum fliegen, versorgt der private Raumtransporter "Dragon" die Internationale Weltraumstation ISS mit Nachschub.

Die ungewöhnlichste Fragestellungen, die dennoch seriös sind, bearbeiteten diese drei Forschergruppen: Nuklearmediziner aus Lausanne wollen acht Jahre nach dem Tod von Yassir Arafat überprüfen, ob der Palästinenser-Führer mit Polonium vergiftet wurde. Durch ihre geringe Halbwertzeit ist radioaktive Substanz weitgehend zerfallen. Doch die Schweizer sind zuversichtlich, dass sie auch allerkleinste Spuren finden können.

Nichts gefunden haben hingegen die russischen Wissenschaftler, die im Januar den fast 4000 Meter unter der Antarktis liegenden Vostok-See angebohrt haben. Sie hatten gehofft, dass sich in dem Hunderte Kilometer langen Gewässer unter dem ewigen Eis vielleicht eine besondere Spezies Leben hatte entwickeln können. Der vermutlich seit 35 Millionen Jahren nicht angetastete See erwies sich als frei von Mikroben.

Im Sommer schockieren Fotos von missgebildeten Schmetterlingen, deren Erbgut durch Radioaktivität nach dem Reaktorunglück im japanischen Fukushima geschädigt wurden. Zwar scheinen die direkten gesundheitlichen Folgen für die Menschen in der Region geringer auszufallen als von vielen erwartet. Doch es wird mindestens 40 Jahre dauern, die Reaktoren, die nicht betreten werden dürfen, zu entsorgen. Fast zwei Jahre nach dem Unfall, bei dem es in drei Reaktoren zur Kernschmelze kam, sichern die Rettungskräfte die Unglücksstelle mit Behelf-Konstruktionen mit Plastikfolien.

Die am meisten in die Zukunft gerichteten Fortschritte der Medizin setzen langjährige Forschung in erste Praxis um: Als Pionier für weitere Vorsorgeuntersuchungen darf man die neue Technik für eine Diagnose des Down-Syndroms bei Ungeborenen werten. Weil sich das Erbgut des Babys bereits während der Schwangerschaft im Blut der Mutter nachweisen lässt, zeigen auch Gen-Analysen aus ihrem Blut Ergebnisse. Das Verfahren wiederbelebt eine alte Diskussion um ethische Grundsätze der Medizin.

Eine Entwicklung, die das Leben von querschnittsgelähmten Menschen erleichtern soll, liefert die Robotertechnik. In den USA wurden einer querschnittgelähmten Frau zwei Mikroelektroden in das motorische Zentrum ihres Gehirns eingepflanzt – nur mittels ihrer Gedanken kann sie nach drei Monaten Training einen Roboterarm bewegen.

Zudem wurde die umstrittene Stammzellforschung 2012 mit dem Nobelpreis geadelt. Zehn Jahre lang kämpfte sie mit dem Vorwurf, sie sei ethisch problematisch und wurde dadurch neben der Gentechnik zum am meisten regulierten Forschungszweig. Doch das Nobel-Komitee entschloss sich dennoch, für die Grundlagen des Klonens und die Erzeugung eines besonderen Typs der Stammzellen (die ips-Zellen) seine höchste Auszeichnung zu vergeben.

Quelle: RP
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