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Berlin
Witwe beschreibt Harald Juhnkes Verfall

Berlin. In ihrem Buch "Was bleibt, ist die Liebe" schildert Susanne Juhnke die letzten Jahre an der Seite ihres demenzkranken Mannes, der 2005 starb. Das Werk ist sowohl eine medizinische Fallstudie als auch eine teils gefühlige Liebeserklärung. Von Jörg Isringhaus

Sein Leben glich einer Achterbahnfahrt - am Ende ging es allerdings nur noch bergab. Harald Juhnke selbst formulierte sein Lebensmotto in einem seiner berühmtesten Songs: "Barfuß oder Lackschuh, so geht es bei mir zu! Nie die goldene Mitte, immer volles Risiko!" So habe er tatsächlich gelebt, schreibt seine Witwe Susanne jetzt im Buch "Was bleibt, ist die Liebe" (Heyne): "Ob er je daran dachte, wohin dieser Weg führen könnte?" Mehr als ein Jahrzehnt dauerte es, bis sich die 71-Jährige in der Lage sah, die Zeit des Abschiednehmens von ihrem Mann zu Papier zu bringen - zu tief sitzt der Schmerz über dessen Dahinsiechen.

Mitte Juli 2000 bekam der Entertainer die niederschmetternde Diagnose: Wernicke-Korsakow-Syndrom, eine Störung der Gehirnfunktionen, die auch das Gedächtnis beeinträchtigt. Susanne Juhnke schildert, dass sich ihr Mann zunehmend in einem "Irrgarten der Erinnerungen" bewegte, sein Kurzzeitgedächtnis weitestgehend ausgelöscht, eine Unterhaltung selten möglich war. In einem Moment sei er besessen davon gewesen, sich in einem Dreh zu befinden, im anderen habe er apathisch gewirkt und war nur aufzuheitern, wenn seine Frau ihm seine geliebten Sinatra-Songs vorspielte. "Ich war nicht wütend auf Harald", schreibt Susanne Juhnke. "Die Wut richtete sich gegen seinen Komplizen, den Alkohol, der ihn gekidnappt und mir meinen Mann genommen hatte."

Fast zeitlebens war ihr Mann dem Alkohol verfallen, ließ sich zwar behandeln, erlebte zwar immer wieder nüchterne Phasen, bekam die Sucht aber nicht in den Griff. Auch dieses Wechselbad der Gefühle arbeitet Susanne Juhnke auf, beschreibt, wie Paparazzi ihrem Mann auflauerten, um ihn in unwürdigen Posen zu fotografieren, wie er von einem Schaffensrausch in tiefe Depressionen verfiel und mit seinen Sauf-Exzessen die Karriere ruinierte. Sogar das ZDF, Juhnkes Stammsender, bezeichnete den Entertainer 1996 als untragbares Risiko. Susanne Juhnkes Rolle dabei war, so liest es sich in dem Buch, vor allem das Erdulden und Aufopfern: "Das Schicksal, so glaube ich, wird uns auferlegt, ob wir es nun annehmen oder nicht. Man hat keine andere Wahl, als es als gegeben hinzunehmen. Was mir erst spät in aller Konsequenz bewusst wurde, war, dass sich Haralds Alkoholkrankheit wie ein roter Faden bis in die Demenz durch mein Leben zog."

Kennengelernt hatte sich das Paar 1970 und schon im Jahr darauf geheiratet. Bis dahin war Susanne Juhnke Film- und Theaterschauspielerin, an der Seite ihres weitaus berühmteren Mannes aber ließ sie die eigene Karriere ruhen. Einerseits ist das Buch eine nachträgliche, teils sehr gefühlige Liebeserklärung an Harald Juhnke, auf der anderen Seite zieht die Autorin auch eine ernüchternde Bilanz. Zum Beispiel, wenn sie von den drei Phasen der Liebe spricht. Dem Rausch der Verliebtheit, der Liebe, die sich im Alltag festigt und der "Liebe, die bewiesen wird, die Pflicht aus Liebe". Oder wenn sie bestreitet, dass Zeit alle Wunden heilt. Ihre Erinnerungen an ihren Mann seien allgegenwärtig "und mit ihnen der Schmerz des Verlusts".

Lesen lässt sich das Buch auch als einfühlsame Fallstudie eines Menschen, dessen Ich allmählich im Nichts versickert. Ob prominent oder nicht, die Krankheit mache alle gleich, schreibt Susanne Juhnke. Recht detailliert schildert sie die Phasen des allmählichen Verfalls ihres Mannes, die Reaktionen der Ärzte und der Öffentlichkeit, aber auch ihre eigene, wachsende Hilflosigkeit. "Den geliebten Menschen an das Vergessen zu verlieren, kann nur jemand nachvollziehen, der es selbst miterlebt. Niemals im Leben hatte ich mir vorstellen können, so hautnah mit der Krankheit Demenz konfrontiert zu werden. Und doch war ich nur eine von vielen Angehörigen."

So mag das Buch auch diejenigen trösten, die ein ähnliches Schicksal durchleben. Zumal bei allem Kummer, bei allem Schmerz und bei aller Tragik Susanne Juhnke am Ende doch hoffnungsvoll in die Zukunft schaut. Was ihr bleibt, ist "ein Garten der Erinnerung", schreibt sie, und eine nach vorne gerichtete Gewissheit: "Ich bin zu jung, um nur in der Vergangenheit zu leben."

Quelle: RP
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