Kontaktanzeigen liegen im Trend: Wo bist Du? Powerriegel sucht Sahneschnitte
zuletzt aktualisiert: 26.04.2002 - 10:08Düsseldorf (RP). Früher wurden Kontaktanzeigen häufig belächelt. Aber immer mehr Singles suchen "auf diesem Wege" einen Partner.
Die Kontaktanzeige hat die Chiffre Nummer 63320: "Braucht Amor Kontaktlinsen oder warum trifft sein Pfeil immer knapp daneben? Freche Zielscheibe sucht passenden, treffsicheren Bogenschützen." So hat eine junge Frau (30 J., 1,77 m, 58 kg, Akad., sportlich, witzig, Italien-Fan) im jüngsten Heft der Frauenzeitschrift "Amica" annonciert. Sucht sie Wilhelm Tell? Oder einen Mann, der so attraktiv ist wie Robin Hood-Darsteller Kevin Costner?
Fest steht: Die junge Frau sucht einen Partner fürs Leben. Und da ist sie nicht die Einzige: In Illustrierten, Wochenzeitschriften oder in Internetforen tummeln sich mehr Singles denn je. Auf der Suche nach dem Traumprinzen und der Superfrau liegen Kennenlern-Inserate im Trend. In wenigen Zeilen stellen sich Partnersuchende vor und hoffen, dass der oder die Richtige sich endlich meldet. Die "Frau zum Pferdestehlen" und den "schachspielenden Bankangestellten" findet man hier genau so wie die "lebenslustige Mittfünfzigerin" oder den "Tennisspieler der nicht nur Tiefgang, sondern auch noch eine Katze" hat.
"Hunderte Bewerbungen gehen jede Woche bei mir ein", sagt Karolin Leyendecker. Die Hamburgerin ist für den Single-Guide der "Amica" zuständig. "In jedem Heft stellen wir 50 Junggesellen mit Foto und einem kurzen persönlichen Fragebogen vor. Kommt ein Kandidat gut an, bekommt er oft mehrere Hundert Briefe. Unser Rekordhalter ist Konstantin, ein schnuckeliger Halbgrieche, mit 1300 Antworten."
Wer Wäschekörbe voller "Fanpost" bekommt, hat es nicht leicht, die richtige Wahl zu treffen. "So viele Zuschriften sind zwar ungemein gut fürs Ego, aber die Herz-Dame kann man da leicht übersehen." Die auf den ersten Blick unscheinbareren Inserenten seien bei der Partnersuche insgesamt sogar erfolgreicher gewesen. "Ich weiß von 50 Hochzeiten und mehr als 50 festen Liaisons, die in den vergangenen fünf Jahren mit unserer Hilfe angefangen haben", resümiert die 36-Jährige zufrieden.
Kuppeln und Co. - früher wurden Kontaktanzeigen oft belächelt. "Ein Inserat war in den Augen vieler der letzte Strohhalm für absolut Unvermittelbare", so Peter Schmidt-Feneberg vom Stadtmagazin "Prinz", der seinen regionalen "Flirt-Guide" seit März dieses Jahres erheblich ausgeweitet hat. "Das Image von Annoncen hat sich verbessert. Sie werden als eine Möglichkeit von vielen gesehen und entsprechend unverkrampft genutzt. Keiner läuft mehr Gefahr, als verschrobener Eigenbrödler oder alte Schachtel betrachtet zu werden."
Eine Internet-Untersuchung hat ergeben: Der moderne Kontaktanzeigen-Kunde ist um die 30 Jahre alt, berufstätig, wohnt in der Innenstadt, hat einen großen Freundeskreis und geht mindestens ein Mal in der Woche aus. Ein Persönlichkeits-Profil, das überrascht.
Warum haben so viele junge Menschen Kontaktschwierigkeiten? Schmidt-Feneberg führt dies auf Kommunikationsprobleme zurück. "Keiner will den ersten Schritt tun. ,Er` denkt: ,Sie` ist emanzipiert und muss ihr Interesse bekunden, und umgekehrt wartet ,Sie` darauf, dass ,er` sie erobert." Bei einem Inserat sei hingegen klar, dass beiderseitiges Interesse bestehe.
Die Suche nach Mr. und Mrs. Right - für Singles eine Herzenssache, für viele Verlage ein klar kalkuliertes Geschäft: Eine Spalte mit zehn Zeilen kostet in der "Zeit" 118,19 Euro, in der "FAZ" sogar 172,72 Euro. Einen Mini-Kasten in der "Amica" gibts schon für zehn Euro. Hier ist auch direkte Kontaktaufnahme möglich. Für 1,24 Euro die Minute können Interessenten persönliche Nachrichten auf einem Anrufbeantworter hinterlassen. Ganz schön teuer - aber wer will schon am Liebesglück sparen.
"Die beste Investition meines Lebens", sagt Christian Nürnberger (51) über eine 1000 Mark teure Anzeige, die er vor 20 Jahren in der "Zeit" aufgegeben hat. Gemeldet hat sich Petra Gerster. Damals studierte sie in Paris, heute ist sie erfolgreiche ZDF-Moderatorin. "Wenn ich meine Frau in einem Cafe getroffen hätte, hätte ich mich nie getraut sie anzusprechen", gibt Nürnberger zu: "Bei Liebe auf den ersten Blick wären meine Chancen wohl eher gering gewesen. Aber ich kann gut schreiben. Petra hat sich in meine Briefe verliebt."
Danach ging alles ganz schnell: Gemeinsame Wohnung, Heirat, zwei Kinder - Erfolg auf der ganzen Linie. Auf 190 Seiten hat Nürnberger in dem Buch "Zum Glück gibt's Anzeigen" seine Erfahrungen geschildert und gibt Tipps für die richtige Annonce. "Regel Nr. eins: Man darf nicht lügen. Spätestens beim Treffen fällt auf, dass man nicht - wie angegeben - ein 1,90 Meter großer, gut gebauter Superman ist. Und wer zu viel abkürzt, outet sich als Geizkragen.
Nichtssagende Adjektive
Außerdem rät der ehemalige Journalist, nichtssagende Adjektive zu vermeiden. "Hilfsbereit, ehrlich und humorvoll - was sagt das schon aus. Nur wer genau weiß, was er will, bekommt was er sucht." Abschreckend findet der Autor gezwungen originelle Annoncen: "Powerriegel sucht Kohlehydrate ohne Ballaststoffe für gemeinsamen Stoffwechsel - Das geht ja gar nicht." Wer so inseriert ist selber Schuld, wenn er keine "Sahneschnitte" bekommt.
Gaby Herzog
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