1.812 Opfer im Jahr 1999 / Steigerung für 2000 erwartet: Zahl der Drogentoten steigt weiter
zuletzt aktualisiert: 02.01.2001 - 16:57Frankfurt/Main (AP). Die Zahl der Drogentoten in Deutschland schraubt sich scheinbar unaufhaltsam in die Höhe. Bereits 1999 erreichte die Zahl mit 1.812 amtlich bestätigten Toten einen traurigen Rekord. Doch nach den ersten vorläufigen Zahlen wird sich dieser Stand mit den Toten des Jahres 2000 noch weiter erhöhen auf mindestens 1.923 Opfer, wie eine AP-Umfrage am Dienstag ergab. Und erfahrungsgemäß wird die später ermittelte offizielle Zahl wiederum höher liegen.
Die meisten Toten gab es im vergangenen Jahr wieder in Nordrhein-Westfalen. Nach vorläufiger Zählung des Innenministeriums erlagen bis 21. Dezember insgesamt 470 Menschen dem Missbrauch von Rauschgift, 75 mehr als zum gleichen Stichtag im Jahr 1999. Damit schnellte in diesem Vergleichszeitraum die Zahl der Drogentoten um 19 Prozent nach oben. Insgesamt starben 1999 in Nordrhein-Westfalen 422 Menschen an Drogen.
Auch in Bayern stieg die Zahl der Drogentoten deutlich um 67 auf 335 Opfer. Damit wurde der 1999 beobachtete Rückgang in Bayern wieder umgekehrt. In Baden-Württemberg, das einen traurigen dritten Platz in der Liste der Drogentoten einnimmt, ging die Zahl dagegen minimal um vier auf 274 zurück. An vierter Stelle folgt Berlin, mit einem Anstieg um vorläufig zehn auf 215 Tote. Die Drogenbeauftragte des Berliner Senats geht allerdings davon aus, dass auf Grund von Nachmeldungen die Steigerungsrate noch höher ausfällt. Zum Stichtag 31.10.2000 habe die Hauptstadt 192 Drogentote gegenüber 172 Toten im Vergleichszeitraum verzeichnet. Dies sei ein Plus von 11,6 Prozent.
Weniger Drogentote meldete dagegen Hamburg. Nach 115 Toten im Jahr 1999 starben im vergangenen Jahr nach dem vorläufigen Stand 92 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums. Auch hier kann sich die Zahl aber noch erhöhen. Bereits im vergangenen Jahr hatte Hamburg die niedrigste Zahl an Drogentoten seit zehn Jahren vermeldet. Ein umfangreiches Methadonprogramm und Fixerräume zur Betreuung verbesserten in Hamburg die gesundheitliche Lage der Süchtigen und senkten offensichtlich die Todesrate. Hamburg will in diesem Jahr auch an einem Modellversuch zur staatlichen Heroinvergabe teilnehmen. Mit diesem Programm will die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Christa Nickels, die Zahl der Drogentoten senken.
Staatliche Heroinvergabe soll im Sommer starten
"Wir wollen damit diejenigen erreichen, die mit den bisherigen Hilfsangeboten nicht zu erreichen sind, die seit langem abhängig und erheblich gesundheitlich beeinträchtigt sind", erklärte ein Mitarbeiter Nickels. An dem Programm wollen sich neben Hamburg auch Frankfurt, Hannover, Köln, Bonn, München und Karlsruhe beteiligen. Die Kosten sind zwischen Bund, Ländern und Kommunen aufgeteilt, lediglich in Karlsruhe und München beteiligen sich die Länder nicht.
Geplant ist der Start im Sommer. Zuvor muss das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte das Projekt noch genehmigen und auch die Ethikkommission der Bundesärztekammer muss ihr Votum abgeben. Das Programm wird zudem vom Zentrum für interdisziplinäre Suchtforschung wissenschaftlich begleitet. Einerseits sollen die medizinischen Auswirkungen geklärt werden, zum anderen auch die Auswirkungen auf Kriminalität, Szenebildung und Akzeptanz.
Weiterhin niedrig ist die Zahl der Drogentoten im Osten Deutschlands: Im vergangenen Jahr starben wegen Drogenkonsums neun Menschen in Thüringen, acht in Sachsen, sechs in Mecklenburg-Vorpommern, fünf in Sachsen-Anhalt sowie zwei in Brandenburg. Das Landeskriminalamt in Mecklenburg-Vorpommern verwies jedoch darauf, dass sich im Land der Trend von einem Transitland für Drogen hin zu einem Konsumentenland verstärkt habe. Auch der Innenminister von Sachsen-Anhalt, Manfred Püchel, hatte erklärt, nur beim Gebrauch harter Drogen gebe es noch ein West-Ost-Gefälle, bei der Einnahme von Ecstasy habe der Osten inzwischen Westniveau erreicht. Das Thüringer Gesundheitsministerium erklärte, der Drogenkonsum im Land sei weiter verbreitet, als aus den Zahlen abzulesen sei.
Einen auffallend hohen Anteil an Aussiedlern unter den Drogentoten meldeten Rheinland-Pfalz und Bayern. In Rheinland-Pfalz waren 21 der insgesamt 86 Toten Aussiedler, 1999 waren es nur elf. Auch in Bayern verdoppelte sich deren Zahl auf insgesamt zehn Prozent. Dieser Trend ist auch der Drogenbeauftragten bekannt, allerdings sei schwer zu sagen, ob dieser Trend einheitlich oder auf bestimmte Gegenden beschränkt sei, hieß es. Zu vermuten sei, dass die Drogenberatungsstellen Schwierigkeiten hätten, die abgeschottete Gruppe zu erreichen, es gebe aber bisher nur wenig Daten dazu. "Wir haben Forschungsprojekte speziell zum Thema Migration und Sucht und überlegen, was zu tun ist", hieß es.
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