Mit Lachsäcken gegen "Karneval in Braun": 10.000 Leipziger protestierten gegen Neonazi-Aufmarsch
zuletzt aktualisiert: 07.04.2002 - 16:22Leipzig (rpo). In Leipzig haben am Wochenende bis zu 10.000 Menschen friedlich gegen einen geplanten Neonazi-Aufmarsch demonstriert. Hinzu kamen stundenlange Polizeikontrollen, die die rund 1000 versammelten Rechtsextremen schließlich zur Absage ihres Marsches zum Völkerschlachtdenkmal bewegten.
Ein Großaufgebot von gut 4.000 Beamten von Bundesgrenzschutz und Polizei aus acht Bundesländern verhinderte das direkte Zusammentreffen zwischen den Rechtsextremisten und gewaltbereiten linken Demonstranten. Nach Angaben von Polizeisprecher Thorsten Dressler blieb die Lage insgesamt verhältnismäßig ruhig. Die Polizei nahm 155 Personen in Gewahrsam; in der Innenstadt wurden neun Schaufenster zerstört. Zu kleineren Rangeleien kam es vor allem auf dem Bahnhofsvorplatz, wo Gegendemonstranten die Konfrontation mit der Polizei suchten.
Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD), der zuvor in der Nikolaikirche an einem Gottesdienst teilgenommen hatte, forderte dazu auf, den Anfängen zu wehren. Man werde nicht zulassen, dass "braunes Gedankengut sich über Deutschland und Europa" ausbreite. Über die Zahl der Teilnehmer an der Gegendemonstration gab es unterschiedliche Angaben; Stadtsprecherin Kerstin Kirmes sprach von 10.000 Teilnehmern, die Polizei berichtete von rund 6.000 Gegendemonstranten.
Unter dem Motto "Leipzig lacht über den Karneval in Braun" hatten Prominente wie Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel, Thomaskantor Georg Christoph Biller, Kabarettist Gunter Böhnke und Nikolai-Pfarrer Christian Führer dazu eingeladen, mit Lachsäcken und Tröten gegen den Naziaufmarsch zu protestieren. Der geplante Abwurf von zwei Tonnen Konfetti aus einem Hubschrauber wurde von der Luftaufsichtsbehörde aus Sicherheitsgründen untersagt. Einem Aufruf des Motorradclubs "Kuhle Wampe" zu einem Konvoi gegen rechts waren trotz Kälte und zeitweiligem Schneegriesel rund 400 Motorradfahrer aus dem gesamten Bundesgebiet gefolgt.
Die Rechtsextremisten hatten geplant, vom Hauptbahnhof zum Völkerschlachtdenkmal marschieren. Da sich einige Teilnehmer jedoch verspäteten und die Polizei strenge Personenkontrollen durchführte, mussten sie stundenlang am Bahnhof warten. Der Neonazi Christian Worch, der die Kundgebung angemeldet hatte, musste als Versammlungsleiter den Marsch schließlich absagen.
Als die Rechtsextremisten wieder abreisen wollten, riegelte die Polizei den Hauptbahnhof kurzzeitig vollständig ab. Mehrere Hundertschaften trennten einige Gegendemonstranten, die sich im Bahnhofsgebäude aufhielten, von den Neonazis.
Einen Tag nach dem Neonazi-Aufmarsch in Leipzig waren am Sonntag nahezu alle der 155 vorläufig festgenommenen Personen wieder auf freiem Fuß. Nach Polizeiangaben hatten sie unter anderem gegen das Versammlungs- und Betäubungsmittelgesetz verstoßen. Gegen drei Demonstranten wurde wegen einer anderen Strafsache Haftbefehl beantragt.
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