| 10.48 Uhr

Aleppo
300.000 verharren in der Hölle Aleppos

Aleppo. Das Leben der Menschen in der völlig zerstörten Stadt Syriens ist verzweifelt. Die Rebellen halten mit letzter Kraft den Ostteil Aleppos. Gelingt der syrischen Armee die Eroberung, wird Diktator Assad seine Macht endgültig behalten. Von Simon Kremer

Schwarze Schwaden ziehen über die weltberühmte Zitadelle von Aleppo, die sich auf einem kleinen Hügel mitten aus dem Betongrau der Stadt erhebt. Der dichte Rauch aus dem Ostteil der ehemaligen Handelsmetropole Syriens steigt wie von kleinen Inseln auf. Bewohner haben Müll und Autoreifen auf die Straßen geworfen. Videos im Internet zeigen Kinder, die neues Brennmaterial heranschleppen. Die Rebellen halten noch immer den Ostteil der Stadt. "Hörst du das Sirren?", fragt Kenan, als er in seinen Laptop spricht. "Das sind die Scharfschützen." Dann dreht er den Computer. Die Kamera zeigt eine menschenleere Straße, Geröllberge und Schutt. Es ist die Nachbarschaft von Kenan, der in Aleppo wohnt und nicht mit vollem Namen genannt werden möchte.

Das Viertel Salaheddin liegt unweit der Zitadelle genau an der Frontlinie. "Die humanitären Korridore sind eine Lüge", sagt Kenan. Dort, wo nur Betonbrocken zwischen Hausgerippen liegen, soll einer der Fluchtwege sein, die die syrische Führung zusammen mit ihrem Verbündeten Russland eingerichtet haben will. Nach russischen Angaben sollen mehr als 400 Menschen bereits das Fluchtangebot angenommen haben. "Diese Initiative ist eine reine Lüge", sagt Kenan.

Aleppo, diese einst wichtige Handelsmetropole im Norden Syriens, ist ein Sinnbild für den grausamsten Bürgerkrieg der Welt geworden. Verschiedene Rebellengruppen, von moderaten Aufständischen bis zum Islamisten-Bündnis Daschaisch al-Fatah, das von der früheren Al Nusra-Front beherrscht wird, kämpfen in den Vierteln der Stadt gegen Machthaber Baschar al Assad und seine russischen Verbündeten. Al Nusra, der offizielle Ableger des Terrornetzwerks Al Kaida, hat sich mit Fatah al Scham einen neuen Namen gegeben und distanziert sich seit einigen Tagen zumindest formell von Al Kaida. Daneben gibt es noch die islamistische Miliz Ahrar al Scham, die sich pragmatisch gibt und von der Türkei unterstützt wird.

Die Stadt steht seit 2012 fast unter täglichem Beschuss durch Artillerie, Luftangriffe und international geächtete Fassbomben. Viel ist nicht mehr übrig von der Schönheit der Stadt, die aufgeteilt ist zwischen den Regierungstruppen im Westen und den Rebellen im Osten.

Vor gut zwei Wochen kappte das syrische Militär die letzte Versorgungsroute der Aufständischen. Seitdem sind nach UN-Schätzungen fast 300.000 Menschen der einstigen Millionenstadt von der Außenwelt abgeschnitten. Internationale Hilfsorganisationen befürchten eine humanitäre Katastrophe.

"Wir haben nichts mehr zu verlieren", sagt der 60-jährige Abu Sakaria, dessen zwei Söhne bei den Rebellen kämpfen. "Das Regime versucht mit allen Mitteln zu erreichen, dass wir aufgeben. Und wenn sie uns hier verhungern lassen."

"Die Menschen leben von dem, was sie gehortet haben", erzählt der 32-jährige Abdullah. "Einige haben noch Reis und Bulgur, auf dem Markt kann man noch Minze und Petersilie kaufen, weil das in der Stadt angebaut wurde." Andere Familien berichten von Brotrationen, die sich die Kinder teilen, um immer etwas für noch schlechtere Zeiten zurückzulegen. Dennoch will Abdullah die Stadt nicht verlassen. Er habe überlegt, ob er seine Frau und die drei Kinder aus der Stadt schaffen solle. Ihm sei aber gesagt worden, dass feindliche Scharfschützen die Korridore im Blick hielten.

In dem Krieg ist auch für die Menschen vor Ort unklar, welche Informationen stimmen und welche nicht. "Das Risiko will ich nicht eingehen", sagt Abdullah. "Ich habe Hoffnungen, dass die Offensive von Dschaisch al Fatah funktioniert." Das Bündnis aus Radikalen und Moderaten versucht, den Ring der Belagerung durch die offizielle Armee zu sprengen.

Der Direktor des Zentrums für Nahost-Studien an der Universität von Oklahoma, Joshua Landis, hält den Ausgang der Kämpfe für entscheidend. "Die Rückeroberung Aleppos passt in Assads Strategie, ein ,nützliches Syrien' zu halten." Damit sei die Kontrolle über die vier größten Städte des Landes gemeint: Damaskus, Aleppo, Homs und Hama. Dort lebt mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung. "Die Ober- und Mittelschicht lebt in den Städten", analysiert Landis. "Wenn die Aufstände auf die ländlichen Regionen verschoben und begrenzt werden, hätte Damaskus einen strategischen und moralischen Sieg eingefahren."

Die Rebellen und die Bewohner des Ostteils stemmen sich trotz der Ausweglosigkeit ihrer Situation mit allem, was sie haben, gegen die drohende Niederlage. Mit brennenden Reifen gegen die Luftangriffe, mit hochmotivierten und kampferprobten islamistischen Gruppierungen gegen die Belagerung. Der Endkampf hat begonnen.

(dpa)
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Aleppo: 300.000 verharren in der Hölle Aleppos


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.